Pater Elmar Salmann aus Gerleve sagt, warum wir umsonst gemocht sein wollen

Auslegung der Lesungen vom 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Nach dem Tod Johannes des Täufers will Jesus allein sein, um nachzudenken. Was heißt das nun für ihn und seine Rolle? Wie diese sich verändert, beschreibt Pater Elmar Salmann in seiner Schriftausdlegung.

Der erste Satz des Evangelienabschnitts wird sicher meist überlesen. Jesus erfährt vom Tod des Johannes und will allein mit sich zu Rate gehen, nachdenken, beten. – Trauerarbeit? Wie wird seine Zukunft aussehen, wie seine Rolle sich verändern? Was werden die Menschen nun auf ihn an Erwartungean projizieren? Ist er dem gewachsen? Offenbar befindet er sich an einer Gelenkstelle seines Lebens, seiner öffentlichen Sendung – und er lässt sich stören, von der Wirklichkeit einholen, ist bereit, sich ihr zu stellen. Dann wird sich der neue Stil seiner Präsenz unter den Menschen fast von selbst ergeben, die Weise, wie in seiner Souveränität und Aufmerksamkeit Gott vergegenwärtigt werden könnte.

Er beginnt ganz elementar: Er heilt und gibt Brot. Das Christentum verdankt sich diesen Formen großzügigen Entgegenkommens. Aus wenig viel zu machen, nicht kleinlich und knauserig sein, sondern Freude haben an der Vermehrung, am Teilen, am Überfluss, ohne die kleine Not zu vergessen.

Freude Gottes an verschwenderischer Liebe

Die Lesungen vom 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Hier ist noch keine Organisation am Werk, sondern ein einmaliger, güns­tiger Augenblick. Und auch nicht bloße Mitmenschlichkeit, so sehr diese mitspielt. Es ist ein Gestus der Tiefe und Höhe des im Menschen Angelegten und seines Gottes. Deshalb vollzieht sich alles nicht ohne Aufblick, Gebet und Segen, den Halt im Zuspruch des Himmels. Es wird der Hunger gestillt und zugleich erscheint die Freude Gottes am Mehr-als-Notwendigen, an der verschwenderischen Liebe, die sich dann in der Eucharistie vollenden wird, die hier verhalten durchschimmert, sich vorsichtig und zugleich mächtig ankündigt.

Die Lesungen orchestrieren diese Grundmelodien. Die biblische Religion und ihre Heilsökonomie ist mehr als die Logik von Wirtschaft und Geldfluss. All das braucht es, sie nähren aber nicht, eher steigern sie den unersättlichen Appetit des Menschen, der nie genug bekommt.

Hymne zur Liebe

Der Prophet Jesaja schildert den Leerlauf der Opulenz – und meint, dass sich dahinter eine andere Sehnsucht versteckt, etwas aufblitzt von dem Wunsch des Menschen, „umsonst” angenommen und gemocht zu sein. Der Leser, die Leserin geht von der Logik des Gewinns, des Tausches über zu der des Wortes, des Hörens, des Bundes: Wir können einander entsprechen, gerecht werden und darin der Gerechtigkeit Gottes Raum geben.

Hymnisch wird das im Römerbrief gefeiert, fast aufgetürmt, mit dem Wort „Liebe” bezeichnet, von dem bisher nicht die Rede war. Denn dies darf nicht vorschnell benutzt und verbraucht werden. Es ist kein Allerweltswort in der Bibel, sondern ein Spitzenbegriff, der an den Höhepunkten der Geschichte Gottes mit den Menschen, der Predigt Jesu und im Blick auf deren Vollendung auftaucht.

Die Quersumme der Offenbarung

Der Autor
Elmar Salmann OSB
Elmar Salmann OSB
Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz.

So auch hier, nach den vielen Fanfarenstößen der Vorbereitung hat die Liebe ihren Auftritt, in ihr sammelt und bündelt sich alles, ohne dass es banal und beliebig würde. Zugleich bereitet sich hier auch die letzte Aufgipfelung vor. In einer der letzten Schriften des Neuen Testaments, im Ersten Johannesbrief, wird es dann heißen: Gott ist die Liebe; er hat keine Liebe, übt sie nicht aus, sie ist vielmehr sein Wesen, Zentrum und Motiv seines Daseins.

In diesem scheinbar schlichten Satz finden wir die Quersumme der gesamten Offenbarungsgeschichte durch tausend Jahre. Was für ein Weg: vom brennenden Dornbusch bis zu den Apostelbriefen, vom Manna in der Wüste bis zu Brotvermehrung und Eucharistie, von den Zehn Geboten bis zum Gebot der Liebe, von Josef, dem Ernährer Ägyptens, bis zur Gestalt Jesu, wie wir sie gerade betrachtet haben.

Wir leben im Aufschub

Liebe Leserin, lieber Leser, aus redaktionellen Gründen schreibe ich diese Meditation Anfang Juni. Sie werden sie im August, in zwei Monaten nachvollziehen. Unabsehbar, was bis dahin geschieht, wie sich die Pandemie, Wirtschaft, Politik, Dürre und Ernte, das gottesdienstliche Leben entwickeln, ob, wie und wohin Sie in Ferien fahren – und ob und wie Sie wieder heimfinden.

Kaum abzusehen, ob diese Zeilen Sie noch erreichen, Ihnen etwas zu sagen haben. Wir leben seit März unter einem ständigen Vorbehalt, im Aufschub. Ob aus dieser völlig ungewohnten Unsicherheit und Armut ein tieferes Verständnis der Religion erwachsen kann, für die Gestalt Jesu, wie er sich in die Einsamkeit zurückzieht und doch erschlossen bleibt für das Gebet und die vielfältige Not der Menschen?

Sämtliche Texte der Lesungen vom 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.