Matthias Grammann über Weltbewegendes in der Wüste

Auslegung der Lesungen vom 2. Adventssonntag (C)

Weltbewegendes ereignet sich nicht immer nur auf der ganz großen Bühne etwa der Politik. Manchmal geschieht auch abseits allen Trubels etwas, das die Welt nachhaltig verändert. Johannes der Täufer hat es erlebt - und Matthias Grammann aus Recklinghausen beschreibt das in seiner Auslegung der Lesungen dieses zweiten Adventssonntags.

„Sternstunden der Menschheit“ heißt ein fantastisches Buch von Stefan Zweig. Es gehört schon lange zu meinen Lieblingsbüchern. In der ihm eigenen Art, zwischen nüchtern und mitreißend, berichtet Zweig in insgesamt 14 kurzen Episoden von Stunden, die den Lauf der Geschichte verändert haben. Er nennt sie Sternstunden, weil „sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen“.

Stefan Zweig stellt eine bunte Auswahl solcher Stunden zusammen. Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen etwa, die Entdeckung des Pazifischen Ozeans durch Balboa oder die Schlacht von Waterloo. Über letztere ist viel geschrieben worden.

Entscheidung im Hinterland

Das Evangelium vom 2. Adventssonntag (Lesejahr C) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal (alte Einheitsübersetzung).

Was Zweigs Schilderung besonders macht: Er erzählt kaum von der Schlacht, die für das Heer Napoleons das Ende bedeutete. Sein Augenmerk gilt dem französischen General Grouchy, der zugunsten Napoleons hätte eingreifen können und vielleicht der Schlacht ein anderes Ende gegeben hätte, der dies aber nicht tat, weil er anderslautende Befehle hatte. Als die entscheidende Sternstunde sieht Zweig also gar nicht die berühmte Schlacht von Waterloo, sondern das Zögern von Grouchy, irgendwo im französischen Hinterland in einem Feldlager.

Damit verwundert er den Leser genauso wie mit der Tatsache, dass er in seinen 14-teiligen Kanon Stunden aufnimmt, mit denen man vielleicht eher nicht gerechnet hätte: Die Komposition der Marseillaise etwa, Dostojewskis Begnadigung vor der Hinrichtung oder den Tod Tolstois.

Vieles bleibt ungesehen

Ob er wirklich nahe am historischen Kern ist? Viel wichtiger ist, dass wir oft die eigentlich entscheidenden Momente der Menschheitsgeschichte gar nicht sehen, weil unser Augenmerk den anderen, großen, berühmten gilt.

Stefan Zweig hätte die Szene des heutigen Evangeliums, die Berufung von Johannes dem Täufer, gut in seine Sammlung aufnehmen können. Ich hätte sie auf jeden Fall gerne aus seiner Feder gelesen. Auch hier vollzieht sich ein großes Ereignis im Abseits. In der Wüste nämlich. Auch hier geht es um eine Stunde, die im Schatten des Lebens Jesu stehen mag und die dennoch in ihrer Bedeutung eine wahre Sternstunde im Zweigschen Sinne darstellt: die Berufung Johannes des Täufers in der Wüste.

Der Autor

Matthias Grammann ist Pastoralreferent und Leiter des Christlichen Jugendcafés Areopag in Recklinghausen. | Foto: Michaela Kiepe (pbm)

Die Stunde ereignet sich mitten in einer turbulenten Zeit. Das ruft Lukas dem Hörer durch die Aufzählung der politischen Machthaber in den ersten Versen in Erinnerung. Aber die entscheidende Stunde ereignet sich abseits der großen politischen Bühne, so weit, wie es nur eben geht. In Israel, in der Wüste, der abseitigsten, lebensfeindlichsten Landschaft überhaupt. Dort spricht Gott zu Johannes.

Was war der Inhalt? Gott nimmt Johannes offensichtlich in seinen Dienst. Aber was ist die konkrete Ansage? War es ein Auftrag oder eher eine Diskussion wie etwa bei der Berufung des Mose? Zögerte Johannes? Wir wissen das alles nicht. Gern würde ich Stefan Zweig darüber spekulieren lesen.

Der folgende Ortswechsel birgt für mich einen wichtigen Hinweis. Er bringt auf den Punkt, worum es bei dieser Sternstunde geht: Johannes bricht in der Wüste zum Jordan auf. Das ist der Fluss, der bis heute die absolut unersetzliche Hauptquelle von Trinkwasser im ganzen Land darstellt. Von der Wüste zum Wasser, vom Tod zum Leben. Dieses Motiv taucht bei Johannes auf und sollte zentral werden für die ganze Geschichte Jesu und deren Ende an Karfreitag und Ostern.

Deswegen ist es folgerichtig, dass Johannes tauft. Auch im Unter- und Auftauchen ins und aus dem Wasser steckt das Bild von Tod und Leben. So ist Jesu Taufe dort verständlich, als Vorwegnahme seines eigenen Sterbens und Wiederauferstehens. So wird auch klar, inwiefern Johannes der Wegbereiter ist, als der er im Evangelium beschrieben wird.

Sternstunde mit Johannes

Wenn Menschen „auf Christus“ getauft werden, weist uns Paulus darauf hin: „Durch die Taufe sind wir also mit Christus gestorben und begraben. Und wie Christus durch die Herrlichkeit und Macht seines Vaters von den Toten auferweckt wurde, so haben auch wir ein neues Leben empfangen“ (Röm 6,49).

Der kleine Platz, der Johannes dem Täufer in den Evangelien vergönnt ist, die Stunde in der Wüste, ist so gesehen aus christlicher Perspektive eine echte Sternstunde. Denn sie deutet an, was im weiteren Evangelium immer klarer die zentrale Botschaft wird: dass das Leben am Ende über den Tod siegt.

Das Schöne an der Fassung der Ereignisse im Lukas-Evangelium ist im Gegensatz zu den anderen Evangelien die Klarheit, mit der er herausstellt, für wen diese Heilszusage gilt: „Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Adventssonntag (Lesejahr C) finden Sie hier.