Inselpfarrer Egbert Schlotmann wünscht: Friede den Skeptikern!

Auslegung der Lesungen vom 2. Ostersonntag (B)

„Friede sei mit euch“, sagt der auferstandene Jesus im heutigen Sonntags-Evangelium zu seinen Jüngern. Und wiederholt seinen Wunsch noch zwei Mal. Das ist mehr als eine Welt ohne Krieg, glaubt Egbert Schlotmann, Inselpfarrer auf Wangerooge.

Das Evangelium vom 2. Ostersonntag (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Die Kar- und Ostertage werden in unserer Insel-Gemeinde besonders gestaltet. Wochen vorher trifft sich ein Team, um diese geprägten Zeiten thematisch und gestalterisch zu füllen. Dieses Jahr haben wir sie unter das Motto des Katholikentags gestellt: „Suche Frieden“. Auf unterschiedliche Weise haben wir dieses Thema den einzelnen Tagen angepasst.

Am Mittwoch der Karwoche sind wir mit den Teilnehmenden einen Weg durch unser Dorf gegangen. Vorweg zogen einige Insulaner und Gäste, die das Kreuz der alten St.-Willehad-Kirche trugen. Dieses Kreuz wurde im Bombenhagel am 25. April 1945 unter der zerstörten Kirche verschüttet. An diesem Tag kamen über 300 Menschen auf unserer Insel ums Leben. Nachdem das Kreuz einige Jahre nach Kriegsende geborgen wurde, fand es auf längere Zeit in einem Privathaushalt seinen Platz. Heute hängt es im Leuchtturm-Museum.

Dieses Kreuz, das an den Tod und die Auferstehung Jesu und an die zerstörerische Macht des Krieges und an den Wunsch nach Frieden erinnert, hatten wir auf unserem Weg im Blick. Am Ende des Weges erzählte mir ein älterer Mann, der auf der Insel geboren wurde und die alte Pfarrkirche noch kannte, dass er nun versöhnt sei. Mit dem Blick auf das alte Kreuz erlebte er so etwas wie eine Abrundung seiner bisherigen Lebensgeschichte. Hier hat sich Frieden ereignet: Frieden mit der eigenen Vergangenheit.

Mehr als eine Welt ohne Krieg

„Friede sei mit euch“, heißt es im Oster-Evangelium des heutigen Sonntags. Gleich dreimal sagt Jesus diese Worte. Es scheint, als wolle er die Friedensbotschaft den verschreckten Jüngern einprägen. Sein Wunsch: Sie sollen die Worte nicht nur hören, sondern lernen und danach handeln. „Friede sei mit euch“, sagt Jesus hinter verschlossenen Türen. Sein Friede öffnet Türen und Fenster. Er sprengt Grenzen und reißt Wände nieder. Die erstaunten Jünger erleben keine Mauern mehr in ihrem Denken und Glauben. Friede kennt keinen Halt und braucht Offenheit – in Liebe.

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Egbert SchlotmannEgbert Schlotmann ist Insel-Pfarrer von St. Willehad auf Wangerooge. | Foto: Michael Rottmann

„Friede sei mit euch“, sagt der Auferstandene und haucht seinen Freunden den Heiligen Geist zu. Jesu Friede ist ein Geschenk. Sein Friede ruft zu Entschlossenheit und Mut. Die verzagten Freunde spüren eine solche Kraft, dass sie es wagen, Schritte auf die Menschen zuzugehen (vgl. Apg 4,32-35).

„Friede sei mit euch“, sagt Jesus ein drittes Mal und spricht auch die Skeptiker und Zweifler an. Diese wollen verstehen. Jesu Friede weist darauf hin, dass das Alte und das Vergangene in den Blick genommen werden will, um es abzuschließen und inneren Frieden zu erlangen.

Der Prototyp eines Skeptikers

Der Apostel Thomas, Prototyp eines Skeptikers, möchte im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Sein Erleben des Kreuzestodes Jesu will er in Griff nehmen. Friede ist Bearbeiten von negativen und schmerzhaften Erfahrungen. Friede ist stets Arbeit.

Jesu Wunsch nach Frieden beinhaltet nicht nur die Sehnsucht nach einer Welt ohne Krieg. Ihm geht es um mehr. Der Blick auf das Evangelium zeigt es deutlich: Friede ist, mit sich selbst und seiner Lebensgeschichte in Einklang zu kommen. Friede hat immer etwas mit den Menschen zu tun, mit denen wir zusammenleben. Friede zielt auf ein versöhntes Miteinander. In der ersten Lesung des heutigen Sonntags hören wir davon. Die Gemeinde, von der in der Apostelgeschichte die Rede ist, war ein Herz und eine Seele. Friede findet Kraft in und orientiert sich an einem lebensbejahenden und menschenfreundlichen Gott.

Was es für den Frieden braucht

Der Friede, der von Gott stammt, ist die entscheidende Form des gemeinschaftlichen Lebens. Um diesen Frieden leben zu können, braucht es Kraft und Ermutigung. Auch darum weiß Jesus Christus: Er schenkt seinen Geist, der von Angst und Tod befreit, und damit seine Gabe, die den einzelnen Menschen stärken und in die Freiheit setzen möchte. Wer das nachvollzieht, spürt, dass Friede kein Abstraktum ist. Friede hat immer etwas mit dem konkreten Leben zu tun.

In unserer Kirchengemeinde, wie wohl in allen Gemeinden, gibt es auch Zwistigkeiten und ungute Worte, die über andere gesprochen werden. Da braucht es eine friedvolle Versöhnung. Auf unserer Insel kenne ich Menschen, die sich aus dem Weg gehen und nicht mehr miteinander reden, weil sie sich vor Jahren gestritten haben.

Da braucht es den Mut zu einem friedvollen Neuanfang. In manchen Begleitungs-Gesprächen erlebe ich Menschen, die in ihrer Trauer verhaftet sind, weil sie den Kontakt zu ihren Verwandten verloren haben. Da braucht es das friedvolle Aufeinander-Zugehen. Und wenn das nicht mehr möglich ist, braucht es das friedvolle, zugleich oft schmerzhafte Ruhenlassen. Spüren Sie, was es heißt: Der Friede sei mit Dir?

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Ostersonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.