Warum Glauben Zweifeln braucht, sagt Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus

Auslegung der Lesungen vom 2. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A)

Es ist eines der spannendsten und ehrlichsten Evangelien überhaupt: Thomas kann nicht glauben, dass sein geliebter Meister Jesus von den Toten auferstanden ist. Er will es wortwörtlich begreifen. Doch dann, als der Auferstandene wirklich vor ihm steht, kommt alles anders. Warum das so ist und worum es dabei geht, sagt Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus in seiner Auslegung der Schriftlegungen dieses Sonntags.

Was haben eigentlich der Glaubende und der Zweifler gemeinsam? Wohl nicht den Glauben, sondern eher den Zweifel! Der Zweifel ist uns allen gemeinsam, ob wir nun glauben oder nicht. Wer von uns hätte nicht schon einmal gezweifelt? Vielleicht an manchen Glaubenslehren, vielleicht an der Exis­tenz Gottes überhaupt. Manche Menschen zweifeln, ja verzweifeln an eigenem und fremdem Leid. Und sie fragen: Wenn es einen Gott gibt, wie kann er das zulassen? Später lernen sie anzunehmen, was sie zunächst nicht begreifen konnten.

Um Ringen und Zweifeln, um Greifen und Begreifen, um Fassen und Anfassen geht es im Evangelium. Der auferstandene Jesus begegnet den Aposteln. Thomas ist nicht dabei, er kann dem Glaubenszeugnis seiner Apostelkollegen deshalb nicht trauen. Er kann nicht begreifen, ohne Jesus mit Händen zu greifen. Er kann das Wunder nicht fassen, er will ihn anfassen.

Zeige mir deinen Gott!

Die Lesungen vom 2. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Viele Menschen denken so. Sie sagen: Beweise es mir! Wo ist denn dein Gott? Und ich kann nur sagen: Beweise habe ich nicht. Aber ich kann dir von meinem Glauben erzählen, von der Gemeinde, von guten Erfahrungen. Beweisen kann ich nichts. Aber ich glaube Jesus seinen Gott. Ich glaube, dass er uns so von Gott erzählt hat, wie er wirklich ist. Jesus das wahre Angesicht des lebendigen Gottes!

Viele Menschen sagen: Zeige mir deinen Gott! Und ich kann nur sagen: Gesehen habe ich ihn auch noch nicht. Aber ich kann etwas von seiner Größe spüren: In der Schöpfung, in allem Guten, was Menschen aus Liebe tun, in mir selbst. Fassen kann ich ihn im Wort der Bibel. Greifen kann ich ihn in der heiligen Eucharistie. Und auch das muss ich im Glauben erfassen, begreifen mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand.

Größter Zweifler, größter Bekenner

Der Apostel Thomas ist mir sehr sympathisch. Manche nennen ihn den ungläubigen Thomas. Ich nenne ihn den fragenden Thomas. Er ist nicht zu schnell zufrieden. Er fragt nach, will es genau wissen. Er will Glauben und Verstehen zusammenbringen. Unter den Aposteln ist Thomas der kritische Theologe. Und das ist gut so.

Theologen müssen kritisch sein und Fragen stellen. Thomas, der Apostel mit den größten Zweifeln, gerade er ist zugleich der Apostel mit dem klarsten Bekenntnis. Als Jesus ihm endlich erscheint, fordert er ihn auf, ihn zu berühren. Doch Thomas fasst ihn gar nicht an. Vielmehr begreift er: Jesus lebt! Was braucht er nun noch Beweise? Der Glaube genügt. Und dann dieses Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ Deutlicher hat es noch keiner gesagt, nicht einmal Petrus.

Eine "Messe" für Zweifler

Pfarrer Stefan Jürgens.
Pfarrer Stefan Jürgens ist Pfarrer in St. Mariä Himmelfahrt, Ahaus und Alstätte. | Foto: Christof Haverkamp

Einige Male war ich an einer ökumenischen Thomas-Messe beteiligt, eine „Messe“ für Zweifler. Messe bedeutet hier nicht Eucharistiefeier, sondern so etwas wie ein Markt der Möglichkeiten. Gesprächsmöglichkeiten für Zweifler gibt es dort, Erfahrungsmöglichkeiten für Menschen, die sich vom Glauben der Kirche distanziert haben.

In zweifelnden Menschen steckt ein großes Potenzial an Glauben. Weil sie Fragen haben. Denn Glauben, das beginnt mit Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Wer solche Fragen nicht mehr stellt, der wird den Glauben bald verlieren; er wird ihn irgendwo loswerden wie einen alten Regenschirm, den man irgendwo vergessen hat. Man vermisst ihn nicht einmal mehr. Man fragt nicht mehr nach: Da war doch noch was?

Ohne Ideale kommt man nicht weiter

Fragen stellen – und dadurch dranbleiben an Jesus! Mir hilft dabei die Grundhaltung, von der in der ersten Lesung aus der Apostelgeschichte die Rede ist. Das Festhalten an der Lehre der Apostel und am Gebet, am Brotbrechen und an der Nächstenliebe wird hier sicherlich idealisiert dargestellt. So toll war es wohl auch in biblischen Zeiten nicht!

Aber ganz ohne Ideale kommt man keinen Schritt weiter. Für mich bedeutet das: Selbst wenn der Papst vom Glauben abfällt, bleibe ich katholisch! Auch die zweite Lesung spricht von Hoffnung und Standfestigkeit gerade in den Zeiten, in denen der Glaube angefragt wird und Herausforderungen zu bestehen hat. Wir sind gerettet, wir sind erlöst, das Erbe liegt bereit.

Ich wünsche uns allen den Glauben des Apostels Thomas: dass wir lernen, Fragen zu stellen; dass unser Glaube selbstverantwortet und überzeugend wird; dass wir leben aus der Entscheidung für Jesus Christus; dass wir Gemeinde werden nicht nur aus Tradition, sondern aufgrund unserer eigenen Berufung und Sendung. Vielleicht zweifeln wir dann eines Tages auch an unseren Zweifeln. Ganz sicher aber werden wir wie Thomas vor Jesus stehen, ihn sehen und sagen: „Mein Herr und mein Gott!“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) finden Sie hier.

Gottesdienste am Sonntag live auf "Kirche-und-Leben.de"
11.00 Uhr Eucharistiefeier aus dem Paulusdom in Münster
11.00 Uhr Eucharistiefeier aus St. Mariä Himmelfahrt
17.30 Uhr Vesper aus der Benediktinerabtei Gerleve
18.00 Uhr Eucharistiefeier aus St. Lamberti Münster
19.00 Uhr Eucharistiefeier aus der Jugendkirche "effata!" in Münster
20.15 Uhr Nachtgebet (Komplet) aus der Benediktinerabtei Gerleve