Pater Daniel Hörnemann über Krisen - Als hätte einer den Stecker gezogen

Auslegung der Lesungen vom 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

So viel haben wir investiert an Zeit, Elan und Geld - und auf einmal bricht alles zusammen, als wenn einem jemand den Stecker aus der Dose zieht. Warum solche Krisen wichtig sein können, sagt Pater Daniel in seiner Schriftauslegung.

Sie müssen jetzt ganz stark sein!“ Dieser ominöse Satz verheißt dem so Angesprochenen nichts Gutes. Solche Sätze fallen, wenn uns jemand etwas zumutet oder eine Situation viel von uns verlangt. Etwa in einer Krise, einer Entscheidungssituation, einer Prüfung, bei einem Verlust, bei einer eigenen schweren Erkrankung oder der eines nahestehenden Menschen, und ganz besonders beim Sterben. Vielleicht geraten wir da unversehens in die Stimmung des Jesaja-Liedes; dieser entscheidende Satz wurde allerdings in der Lesung ausgelassen: „Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan.“

Vielleicht sehen wir uns selbst oft am Rand unserer Möglichkeiten. Beste Absichten, Engagement, Elan, Zeit und Geld, unser ganze Potenzial haben wir eingesetzt für ein Ehrenamt, in der Familie, für die Gemeinde oder für soziale Projekte. Und auf einmal bricht alles zusammen, als wenn einem jemand den Stecker aus der Dose zieht. Statt Hoffnung und konstruktivem Willen machen sich Enttäuschung und Niedergeschlagenheit breit. Die Fragen drängen sich auf: Was soll das Ganze noch? Wo ist eigentlich Gott in dieser Katastrophe? Sie führen in Sinn- und Glaubenskrisen.

Als das Judentum alles verlor

Die Lesungen vom 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Das widerfährt einzelnen Menschen, aber auch Gemeinschaften. Solche Krisen kannte das Judentum. Im 6. Jahrhundert vor Christus verlor es alles, was ihm bisher religiöse Sicherheit und Identität gab. Der Tempel als Symbol und Garant der Gegenwart Gottes lag am Boden. Das davidische Königtum, das man als von Gottes Gnaden gegeben ansah, war am Ende. Das Land war okkupiert, die Bewohner wurden nach Babylon deportiert oder flohen nach Ägypten. Den Menschen wurde buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen.

Ausgerechnet in dieser Krisenzeit entstand das mit „Deuterojesaja“ bezeichnete Buch. Die eigentliche Aufgabe des „Zweiten Jesaja“ ist das Wiederaufrichten der gebeugten Menschen. Er deutet das Exil nicht mehr als gerechte Strafe eines zornigen Gottes für die Verfehlungen Israels, sondern als Chance zum Neuanfang.

Was eine Krise bewirken kann

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Die Krise bewirkt einen Wandel des Gottesglaubens. Den Menschen in ihrer Schwäche erweist sich dieser Gott als ihre Stärke. Aus aller Dunkelheit heraus sollen sie als Licht der Völker aufstrahlen und Gottes Heil bis die Ränder der Welt reichen lassen. Vom ersten Moment ihrer Existenz an sind sie von Gott berufen, der ihnen Erbarmen und Treue schenkt. Er wird sie heimführen, nicht in irgendein Land auf dieser Erde, sondern die eigentliche Heimat bietet er selbst.

Diese Botschaft kann nur jemand zu den Menschen tragen, der sich voll und ganz auf seinen Gott verlässt. Der selbst Krisen und Zweifel durchleben musste und nun seine Mühe für vergebens hielt. Der sich als Gottesknecht sah. Diese Gestalt bleibt mysteriös. Einerseits ist damit der Prophet gemeint als Einzelpersönlichkeit, andererseits trifft der Begriff auf ganz Israel, das in besonderer Weise von Gott berufen wurde, in und trotz seines Schicksals der gesamten Menschheit die Botschaft vom Befreiergott aufscheinen zu lassen.

Dreimal Sehen

Ein weiterer „Gottesknecht“ ist der Täufer Johannes, der kraftvoll zur Umkehr ruft, dennoch selbst Zweifel und Krisen durchleidet. Er hat wohl zunächst einen ganz anderen Messias erwartet, der der römischen Besatzungsmacht ein Ende setzen würde. Er legte sich mit Herodes Antipas an und landete dafür im Gefängnis, um schließlich einen grausamen Tod zu erleiden.

Dreimal spricht das Evangelium von seinem Sehen: Er sah Jesus auf sich zukommen. Er sah den Geist Gottes auf ihn herabkommen. Er sah das alles und legte Zeugnis für den Sohn Gottes ab. Er rief alle Menschen auf: „Seht!“ Der Satz „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Eucharistiefeier.

Wer der Herr der Geschichte ist

Das Johannes-Evangelium stellt Jesus, den „Gottesknecht“ überhaupt, zweimal bildhaft vor als das „Lamm Gottes“ – eine Aussage, die sein Leiden und seinen Tod am Kreuz vorwegnimmt. Wenn der Täufer ihn so anspricht, dachten die Israeliten unmittelbar an das Pessach-Lamm, dessen Blut sie in der Exodusnacht vor dem tödlichen Verderben schützte. Das Osterlamm erinnert symbolisch an die Erlösung aus der Sklaverei, übertragen auf Jesus meint das Bild die Befreiung aus allem Unheil und Verderben.

Alle drei, Jesaja, Johannes, Jesus, weisen uns darauf hin, dass nur einer Macht hat und Herr der Geschichte ist. Nur von diesem Einen sind Gnade und Frieden zu erwarten, die Paulus seinen Adressaten in Korinth und allen Lesern und Hörern zuspricht.

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