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Michael Ostholthoff aus Haltern über den Zauber in jedem Anfang

Auslegung der Lesungen vom 2. Sonntag nach Weihnachten / Lesejahr C

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Am Anfang des Jahrs steht der Anfang von allem - und vom Johannes-Evangelium: "Im Anfang war das Wort." Was damit gemeint ist, erläutert Michael Ostholthoff, Pfarrer in Haltern am See, in seiner Auslegung der Lesungen dieses Sonntags.

Wenn ich ein Buch zur Hand nehme, habe ich mir ein bestimmtes Vorgehen angewöhnt. Ich versuche eine erste Annäherung, indem ich den ersten und den letzten Satz des Buches lese, lege es dann zunächst wieder aus der Hand und nehme mir ein wenig Zeit, selbst diesen Zwischenraum zu füllen. Der Autor spannt mir diesen Bogen zwischen Anfang und Ende, doch bevor ich diesen Raum betrete, gebe ich meiner eigenen Erwartung Raum.

So legt uns die Kirche am Anfang eines neuen Kalenderjahres das Evangelium von Neuem in die Hand und gibt uns die ersten Worte des Johannes-Evangeliums zu lesen: „Im Anfang war das Wort“. Schon der erste Vers des Prologs versteht es, mich als Leser hineinzunehmen in die Mitte einer neuen Theologie, einer umstürzend neuen Gottesrede. Dabei bedient sich der Verfasser des Vokabulars, das dem jüdischen Volk nur zu vertraut war, schließlich beginnt der Schöpfungsbericht der Genesis mit denselben Worten: „Im Anfang“.

Die DNA der ganzen Welt

Die Lesungen vom 2. Sonntag nach Weihnachten (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Der verklausuliert formulierte Anspruch des Evangeliums lautet also: Hier geht es ebenfalls um Schöpfung, um neue Schöpfung. Der Logos, das Wort Gottes, ist unter uns Menschen erschienen, ist ins Fleisch gekommen in Jesus Christus. In einem Menschen begegnet mir die ewige Liebe unseres Gottes. Er ist der Anfang von allem, seine verborgene Gegenwart will mir begegnen, in allem was ist, denn „alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1,3). Die Liebe Gottes, die in Jesus Christus Menschen geworden ist, sie ist der Bauplan, die innere DNA der ganzen Welt, als das göttliche Wasserzeichen von allem, was uns umgibt, dürfen wir sie erfahren.

Die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach speist sich aus der Überzeugung, dass das Wort Gottes nicht nur als ein Gegenüber zur Welt verstanden werden darf, vielmehr durchdringt die Weisheit Gottes alles bis zu seinem Wesensgrund. Das Wort und die Weisheit Gottes schließen uns das innere Geheimnis der Schöpfung auf, sprechen vom Gesetz der Liebe, das alles zusammenhält vom Anfang bis zum Ende der Zeiten (Sir 24,9).

Verborgene Gottesspuren in uns

Der Autor
Pfarrer Michael Ostholthoff.
Michael Ostholthoff ist Pfarrer von St. Sixtus, Haltern am See. | Foto: privat

Der Verfasser des Epheserbriefes nimmt genau diese Vorstellung auf und sieht sie in Jesus konkretisiert. Was in den Schriften des alten Bundes vielleicht noch abstrakt und wenig greifbar erscheint, erhält nun ein menschliches Gesicht. In ihm erkennen wir den ewigen Plan Gottes, der aus Liebe die Schöpfung in ihr Dasein gerufen hat. Wie Jesus Christus immer schon Teil der Liebesgeschichte Gottes gewesen ist, so dürfen auch wir uns hineingenommen wissen in dieses tiefste Geheimnis unserer Welt und unseres Lebens. Oder wie es der Epheserbrief formuliert: „Denn in Jesus Christus hat Gott uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott“ (Eph 1,4), Hier wird bestaunt, dass wir immer schon Mitgeliebte Gottes sind, im Voraus dazu bestimmt, Töchter und Söhne Gottes zu werden (Eph 1,5).

Wer dieses Geschenk ergreift, der wird mit neuen Augen auf sein Leben schauen. Der erkennt unseren Auftrag, den Logoi spermatikoi, den verborgenen Spuren des Logos in unserem Leben auf der Spur zu bleiben, sich nicht mit dem ersten Augenschein zufrieden zu geben, sondern tiefer zu spüren bis zu den Brunnenpunkten unseres Lebens – um es mit einem Wort von Alfred Delp zu formulieren. Die Würde von allem was ist, zeigt sich mir in der weihnachtlichen Aussage, dass alles durch das Wort, durch den Logos geworden ist. Wie die Hirten und Weisen vor dem menschgewordenen Wort Gottes auf die Knie fallen, so soll auch ich gerade vor dem Kleinen und Unscheinbaren innenhalten, solange hinschauen, bis ich dieses Wasserzeichen Gottes erkenne.

Respekt vor dem Leben

„Alles ist durch das Wort geworden“ (Joh 1,3) - die Bewahrung der Schöpfung, der schonende Umgang mit den Ressourcen unserer Welt, der Respekt vor dem Leben, der Schutz von Pflanzen und Tieren – all das kann ich leben aus dieser besonderen Hinsicht, zu der mich die Schrifttexte des heutigen Sonntags einladen wollen.

Hermann Hesse dichtete den vielzitierten Satz: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Der Zauber eines neuen Jahres zeigt sich darin, dass ich dieses Jahr als einen mir geschenkten Gestaltungsraum begreifen darf, den ich nun betrete. Ich werde eingeladen, Anfängen zu trauen, denn in allem, was das Jahr 2022 für mich bereithält, darf ich Gottesbegegnung feiern.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Sonntag nach Weihnachten (Lesejahr C) finden Sie hier.

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