Christoph Kleine fragt: Jesus – leider nicht zuständig?

Auslegung der Lesungen vom 20. Sonntag im Jahreskreis (A)

Die Tochter schwerkrank, Jesus als letzte Rettung. Problem: Die Mutter ist keine Israelitin. Und Jesus reagiert abweisend, geradezu verächtlich. Christoph Kleine, Pastoralreferent in Herten, ist irritiert - und wagt sich an eine Erklärung.

Eine verzweifelte Mutter. Ein genervter Jesus. Eine seltsame Grenzerfahrung. Das sind nicht unbedingt die klassischen Zutaten für den Beginn einer gelungenen Beziehungsgeschichte. Doch wir neigen dazu, vor allem das Happyend der Begegnung von Jesus mit der kanaanäischen Frau zu sehen. Die Geschichte geht ja auch gut aus: Der Frau wird geholfen, die Tochter wird geheilt, und Jesus entdeckt den Glauben unter Ungläubigen. Doch dieses Ende ist nicht selbstverständlich. Voraus geht harte Beziehungsarbeit zwischen der fremden Frau und Jesus.

Der Reihe nach: Jesus will sich zurückziehen und geht dafür über die Grenze in die Region von Tyrus und Sidon – den heutigen Libanon. Dort trifft er auf die besagte Frau. Ihr Name wird nicht genannt. Sie wird als kanaanäische Frau bezeichnet und damit wird gleich ihre Zugehörigkeit zu einer anderen Religion deutlich. Kanaan und Israel – das ist eine Geschichte voller Konflikte und Gegensätze.

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Was will diese Frau nun von Jesus? Ihr Kind ist offenbar unheilbar krank. Es scheint, als sei die Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Heilungsmöglichkeit, sei sie auch noch so außergewöhnlich. Und deshalb sieht sie in Jesus eine letzte Chance. Sie hofft darauf, dass dieser Mann, der soeben die Landesgrenze übertreten hat, auch seine eigene Grenze überschreitet und sich einer Frau zuwendet, obwohl sie keine Jüdin ist. Sie muss von ihm gehört haben. Davon, dass er in Galiläa Kranke geheilt hat. Sie ruft ihn an: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ Von jemandem aus Kanaan war das nicht zu erwarten. Jetzt ist die Frau diejenige, die eine Grenze überwindet: Den tiefen Graben zwischen Kanaan und Israel.

Die übliche Reaktion Jesu auf solche Anrufungen sind in der Regel: „Und er antwortete ihr“, oder „Was soll ich dir tun?“. Aber diesmal: Kein einziges Wort. Rührt ihn das Schicksal der Frau nicht an? Soll auf diese Art das Menschliche an Jesus betont werden? Schließlich ist er aus Galiläa weggegangen, um seine Ruhe zu haben und eine Auszeit zu nehmen. Jesus möchte vielleicht einfach nicht gestört werden. Diese menschliche Seite Jesu ist schwer auszuhalten angesichts der Verzweiflung der Frau.

Die Frau bleibt sich treu

Die Jünger mischen sich ein. Es geht ihnen aber wohl eher um ihre Ruhe als um die Frau. Endlich antwortet Jesus. Diese Antwort ist aber an die Jünger gerichtet, nicht an die Frau: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Es scheint, als würde Jesus ausschließen, der Messias auch für nicht-jüdische Völker sein zu können. Der Jude Jesus bleibt seinem Volk treu, er sieht sich als guter Hirte ausschließlich für die verlorenen Schafe des Hauses Israel.

Die kanaanäische Frau bleibt sich selbst jedoch treu. Besser gesagt: Sie bleibt ihrer Tochter treu, für die sie keine andere Hoffnung sieht als durch eine Heilung dieses Jesus. Kniend fleht sie Jesus erneut an und unterstreicht durch ihre Körperhaltung, was sie vorher gerufen hat: Sie erkennt Jesus als Messias, als „Sohn Davids“ an. Ist das Eis zwischen den beiden jetzt gebrochen?

Jesus gibt nicht nach

Nein, Jesus gibt nicht nach. Die Frau erhält eine abwertende Antwort, die fast beleidigend klingt: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Das muss sitzen: Jesus ist zuständig für die Kinder Israel allein, nicht für die abwertend als Hunde bezeichneten Nicht-Juden.

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Christoph Kleine ist Pastoralreferent in St.  Antonius Herten.Christoph Kleine ist Pastoralreferent in St.  Antonius Herten.|Foto: Privat

Hier könnte die Geschichte enden. Doch die kanaanäische Frau hat noch nicht aufgegeben und zieht ihren letzten Trumpf, indem sie Jesus widerspricht: „Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Was für eine Schlagfertigkeit! Auf dieses sachliche Argument hat auch Jesus keine Antwort mehr.

Für unseren aufgeklärten Verstand mag es befremdlich klingen, dass sich die Frau in die von Jesus beschriebene Hunderolle begibt. Doch sie tut es – ihrer kranken Tochter zuliebe. Sie tut es, weil sie durch diese scheinbare Unterwerfung endlich die Zuwendung Jesu bekommt.

Platz für alle im Haus Gottes

Jesus ist beeindruckt von dieser Raffinesse. Die kanaanäische Frau hat ihm die Notwendigkeit gezeigt, von Gott größer zu denken. Wo Gott den Tisch deckt, reicht es für alle! Im Haus Gottes ist Platz für alle. Er will auch die Fremden mit Freude erfüllen, wie die Erste Lesung dieses Sonntags sagt. Deshalb hat die Frau darauf vertraut, dass Jesus Christus sich auch ihr zuwendet und ihr hilft. Zu diesem Vertrauen gehört vor allem Mut. Es ist der Mut, Grenzen zu überschreiten.

Trotz ihrer schlechten Erfahrungen vertraut die Frau darauf, dass der „Sohn Davids“ gerade in seiner Treue zu seinem Volk auch ihre Tochter heilen werde, ihr ihre Zukunft zurückgeben werde. Es ist dieser Glaubensmut, der am Ende sogar Jesus bezwingt, ihn dazu ermutigt, seinerseits die Grenzen zu überschreiten und ihr zu helfen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 20. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.