Dominik Blum über Streit und über Jesus als Krisenmanager

Auslegung der Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis (A)

Wie regeln unsere Gemeinden heute ihre Konflikte? Und wie ist Jesus mit Krisen umgegangen? Dominik Blum aus dem Bischöflichen Offizialat in Vechta legt die Lesungen des Sonntags aus.

Ein Kurs für neue Kommunionhelfer irgendwo im Bistum Münster. Kurz vor der Mittagspause bringt eine Frau das Thema aufs Tapet, das ihr am meisten auf den Nägeln brennt. Es sei doch wohl richtig, so stellt sie im Brustton der Überzeugung fest, die Kommunion an solche Menschen nicht auszuteilen, von denen man wisse, dass sie als Geschiedene in einer neuen Beziehung lebten – oder in anderer schwerer Sünde.

Da muss ich erstmal schlucken. Nein, erkläre ich ihr, das sei nicht richtig. Denn eine solche Entscheidung stehe ihr gar nicht zu, schon gar nicht „an der Kommunionbank“, wie man so sagt. Und schon sind wir mitten in einer heißen Diskussion darüber, wie Pfarreien und Gemeinden mit Menschen und ihren Verfehlungen umgehen sollen.

Der Weg der jüdischen Gemeinden zur Zeit Jesu

Tatsächlich ist eine solche Auseinandersetzung nicht neu. Der Evangelist Matthäus berichtet im heutigen Evangelium davon, was Jesus zum Umgang mit Brüdern und Schwestern rät, die sich schuldig machen. Gemeint ist hier – darauf weist das geschilderte Verfahren hin – keine Kleinigkeit, sondern ein schmerzliches Vergehen gegen die Gemeinschaft.

Der Weg, den Jesus beschreibt, wurde so auch in den jüdischen Gemeinden dieser Zeit gegangen. Bereits Ezechiel sollte als Wächter fungieren und Schuldige von falschen Wegen abbringen (erste Lesung). Eine Zurechtweisung erfolgte erst unter vier Augen, dann unter Zeugen, schließlich vor der Gemeinde. Die Zeugenregel ist uralt und lässt sich schon im Buch Deuteronomium (vgl. Dtn 19,15) oder in Qumran finden.

Die Macht der Gemeinde

Wenn der Bruder oder die Schwester nicht zurückgewonnen werden kann, sich also nicht ändert und umkehrt, dann soll er wie einer sein, mit dem man nicht verkehrt, keinen Kontakt und keine Gemeinschaft hat. Ja, im Extremfall zielt dieses Verfahren also auf den Ausschluss aus der Gemeinde, auf die Exkommunikation. Das ist auch mit dem Fachausdruck vom „Binden und Lösen“ (V. 18) gemeint.

Was Petrus als Person kurz vorher zugesprochen wurde (Mt 16,19), das ist hier von der Gemeinde gesagt, von der Kirche. Sie hat die Macht, Dinge für verboten und erlaubt zu erklären und zu sanktionieren. Sie kann sogar dafür sorgen, dass jemand an seine Sünden gebunden bleibt oder von ihnen erlöst wird.

Liebe und tu, was du willst

Das muss ich erstmal verdauen. Woher hat die Gemeinde diese Macht? Gott sei Dank gibt es da noch die Verse 19 und 20, die eine Antwort geben. Die Autorität der Kirche hat ihren Grund im Kontakt mit Gott im Gebet (V 19) und der Gegenwart Jesu inmitten seiner Freunde und Jüngerinnen (V 20). Auch die Lesung aus dem Römerbrief hilft, das Evangelium besser zu verstehen. Paulus fasst die Erfüllung des Gesetzes und aller Gebote in dem einen Satz zusammen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Noch pointierter geht es bei Augustinus. Der Kirchenvater, dessen Moral ja gemeinhin als rigide und leibfeindlich gilt, hat den schönen Satz geprägt: „Liebe und tu, was du willst.“ Die Liebe geht also vor. Sie ist das Kriterium guten Lebens und jeder Zurechtweisung, die immer darauf zielt, die Schwester oder den Bruder zurückzugewinnen.

Der Umgang in den Medien

Der Evangelist stellt deshalb – da bin ich sicher – den heutigen Text zwischen das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Mt 18,12-14) und die Pflicht, siebzigmal siebenmal, also immer und immer wieder zu vergeben (18,22). Das Suchen, das Verzeihen, das Lieben hat immer Vorrang vor dem Verurteilen.

Heute begeht die Kirche den 51. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Vielleicht konkretisiert sich gerade in sozialen Netzwerken und den Nachrichten, die dort verbreitet werden, wie Menschen mit Menschen, wie Christinnen und Christen mit ihren Brüdern und Schwestern umgehen. Da werden in Tweets, Blogs und Foren dem einen oder der anderen schnell die Aufrichtigkeit, der wahre Glaube und das rechte Katholischsein abgesprochen. Digitale Exkommunikation.

Gute Nachrichten verbreiten

Papst Franziskus, selbst ein Medienprofi, wirbt in diesem Jahr dafür, Hoffnung und Zuversicht statt Angst und Furcht auf Facebook, Twitter und den Nachrichtenkanälen im Netz zu verbreiten: „Ich möchte alle zu einer konstruktiven Kommunikation aufrufen, welche Vorurteile über den anderen zurückweist und eine Kultur der Begegnung fördert, dank derer man lernen kann, die Wirklichkeit mit bewusstem Vertrauen anzuschauen.“

Es geht Papst Franziskus also um die Verbreitung einer guten Nachricht, die Liebe und Respekt transportiert: „Denn der Liebe gelingt es immer, den Weg der Nähe zu finden und Herzen zu entflammen, die sich innerlich anrühren lassen, Menschen, die fähig sind, nicht zu verzagen, und Hände, die bereit sind aufzubauen.“ Liebe und tu, was du willst – das gilt face to face und virtuell.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 23. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.