Pater Wilhelm Ruhe vom Kloster Bardel über Gott im Bombenhagel der Wörter

Auslegung der Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis (B)

Im Evangelium dieses Sonntags heilt Jesus einen gehörlosen Menschen. Pater Wilhelm Ruhe vom Kloster Bardel findet über diese Heilungsgeschichte noch zwei weitere Ebenen angesprochen. Sie alle haben damit zu tun, Gott zu erfahren.

Jesus ist als Wanderprediger unterwegs und trifft auf einen Taubstummen. Es zeigt sich bald, dass Jesus nicht nur vom Reich Gottes redet, sondern es praktiziert: er hilft und heilt. Es ist ein schweres Schicksal, wenn ein Mensch nicht hören und nicht sprechen kann. In gewisser Weise ist dieser Mensch immer ein Außenseiter.

Heutzutage spricht man allerdings nicht mehr von „taubstumm“, sondern eher von „gehörlos“. Auch wenn jemand nicht sprechen kann, so ist er doch normalerweise in der Lage zu kommunizieren, zum Beispiel durch die Gebärdensprache.

Im Evangelium berührt Jesus die Ohren und den Mund des Mannes, daraufhin kann er hören und sprechen. Jesus erweist sich als Heiland. Er möchte den Menschen ein neues Leben schenken.

Mir ist gleichgültig, was sie sagen

Das Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Das Evangelium hat noch eine zweite Ebene. Es gibt Menschen, die „taubstumme Beziehungen“ haben. Ich kann bestimmten Menschen gegenüber verschlossen sein und sie wie Luft behandeln. Ich spreche nicht mit ihnen, ich lasse sie links liegen, und mir ist es gleichgültig, was sie sagen. Ich verstumme und stelle mich taub. Dann sagt Jesus auch zu mir: „Effata! Öffne dich! Ich möchte, dass deine zerstörten Beziehungen geheilt werden.“

Schließlich hat das Evangelium noch eine dritte Ebene. Heute sind nicht wenige Menschen religiös taubstumm. Sie haben kein Ohr mehr für das Wort, das Gott zu ihnen spricht. Sie verstummen, wenn ihr Zeugnis für den christlichen Glauben gefordert ist. Wir tun uns heute schwer, über den christlichen Glauben zu sprechen. Wir denken, der Glaube ist Privatsache, das geht niemanden etwas an. Doch auch zu dieser Einstellung sagt Jesus: „Effata! Öffne dich! Gib Zeugnis für das, was dir wichtig ist und begeistere andere vom Glück, das du gefunden hast!“

Gottes Wort wird übertönt

Jesus hat uns die Frohe Botschaft gebracht, dass Gott es unendlich gut mit uns meint. Die Freude über diese Botschaft sollen wir mit anderen teilen. Regelmäßig können wir politische Debatten im Fernsehen verfolgen. In diesen rasch hitzigen Diskussionen reden oft alle durcheinander und die Zuschauer verstehen kein Wort mehr.

Ähnlich ist es mit dem Wort Gottes: Wir werden heute bombardiert mit Worten, Meinungen, Lärm und Getöse. Es ist äußerst schwer, dabei Gottes Wort herauszuhören. Leicht geht es unter, schnell wird es übertönt. Wir müssen wieder zur Ruhe kommen, um Gott verstehen zu können.

Wo habe ich Gott gespürt?

Der Autor
Pater Wilhelm RuhePater Wilhelm Ruhe ist Leiter des Klosters Bardel. | Foto: privat

Hin und wieder gestalte ich mit einer Gruppe von jungen Erwachsenen einen Gemeinde-Gottesdienst. Dabei berichtete diese Gruppe einmal über ganz persönliche Gotteserfahrungen: Wo habe ich in meinem bisherigen Leben Gottes Nähe oder Gottes Hilfe in ganz besonderer Weise gespürt?

Die Mitglieder der Gruppe erzählten unter anderem von der Geburt eines Kindes, von der Taufe, von wunderschönen Naturerlebnissen, aber auch von Schicksalsschlägen und vom Tod eines geliebten Menschen. In all diesen Situationen fühlten sie sich Gott verbunden und haben seine Gegenwart erfahren. Solche öffentlichen Zeugnisse sind lebensnotwendig für den christlichen Glauben.

Vaterunser mit den Händen

Am Pfingstmontag haben wir bei uns im Kloster das „Pfingstival“ veranstaltet. Es beginnt traditionell mit einem besonders gestalteten Gottesdienst. Dabei kam eine Frau nach vorne und hat das Vaterunser in Gebärdensprache gebetet. Ihre Hände sprachen das Gebet. Es war sehr eindrucksvoll zu sehen, wie es für jedes Wort ein bestimmtes Zeichen gibt. Mir kam der Gedanke: So ähnlich spricht auch Gott zu uns. Gott spricht nicht mit uns, so wie ein Mensch mit uns spricht, sondern durch Zeichen. Wir müssen seine Zeichen nur wahrnehmen, verstehen und richtig deuten.

Ich kann Gott begegnen in Menschen, die besonders gut zu mir sind, oder in großartigen und vorbildlichen Christen. Ich kann Gott begegnen auf einem gelungenen Fest oder im Gottesdienst. Ich kann Gott begegnen in der Kraft, die mich antreibt, Gutes zu tun, oder die mir hilft, mich nach einem Streit wieder zu versöhnen.

Sternstunden unseres Lebens

Ich kann Gott begegnen in den Texten der Bibel oder bei großen kirchlichen Feiern. Ich kann Gott begegnen im stillen Gebet oder in der überwältigenden Atmosphäre hoch oben auf einem Berg. Ich kann Gott begegnen beim Betrachten von religiösen Bildern oder auch beim Hören eines religiösen Konzertes. Und ich kann Gott begegnen im leidenden Menschen oder in der Kraft, die ich erfahre, wenn ich selbst in leidvolle Situationen gerate.

All das sind Sternstunden unseres Lebens, Situationen und Erfahrungen, die mich aufatmen und aufleben lassen, Gotteserfahrungen. Dann gilt Jesajas Zuspruch: „Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.