Coming soon: Login KLup

Anne-Marie Eising aus Laer fragt: Verzeihen auf Kommando?

Auslegung der Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis (A)

Was hat Vergebung mit Zahlen zu tun? Jesus kontert ebenfalls mit Zahlen. Doch seine Rechnung geht anders auf als erwartet, zeigt Anne-Marie Eising aus Laer, in ihrer Schrift-Auslegung.

Was hat Vergebung mit Zahlen zu tun? Mit Berechnung? Jesus wird genau damit konfrontiert - und kontert ebenfalls mit Zahlen. Doch seine Rechnung geht anders auf als erwartet, zeigt Anne-Marie Eising, Pastoralreferentin in Laer, in ihrer Auslegung der Sonntagslesungen.

Es ist Pause. Die Lehrerin zieht zwei Kampfhähne aus Klasse 2 auseinander und fragt: „Was ist hier los?“ Da läutet es. Der Unterricht ruft. Keine Zeit, über den Grund des Streits zu reden. Es bleibt nur der Appell: „Vertragt euch und gebt euch die Hand.“ Gesagt, getan. Doch die Blicke sprechen eine andere Sprache. Vergeben geht nicht auf Kommando. Auch nicht bei Erwachsenen. Unterschwellig geht der Groll weiter. Steigert sich zur Wut. Irgendwann schlägt man um sich. Da braucht es nur den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Konfliktspirale spitzt sich zu. Am Ende gib es nur noch Verlierer.

Wie schafft man es, dass es gar nicht erst so weit kommt? Das Weisheitsbuch Jesus Sirach empfiehlt: „Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft.“ Also: Bedenke die Folgen deines Grolls und deiner Rachegedanken. Mach dir bewusst, wieviel Porzellan du in deiner Wut zerdepperst. Oder: „Denk an Untergang und Tod, … und verzeih die Schuld!“

Rückblick aufs Leben

Die Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Wie möchte ich auf dem Totenbett auf mein Leben zurückblicken? Habe ich meine Lebenszeit verbracht mit ständiger Wut im Bauch, mit Groll und Streit? Oder möchte ich mit mir selbst im Frieden gelebt haben und mit meinen Mitmenschen im Reinen sein?

Wie kann ich verzeihen? Das geht ja nicht auf Befehl. Verzeihen ist nicht allein eine Frage des Willens, sondern eine Herzensangelegenheit. Vor allem ist es die Herzensangelegenheit Jesu. Petrus scheint das im Evangelium anders zu sehen. Mit seiner Frage: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?“ schwingt mit: „Irgendwann muss es aber auch mal gut sein.“ Mit seinem Angebot, sieben Mal zu verzeihen, kommt er sich großzügig vor. Gängige Auffassung war: zwei bis dreimal ist genug.

Lass die Wut zu!

Jesu Antwort, siebzigmal siebenmal soll er verzeihen, könnte auch heißen: 7.777.777 Mal. Unendliche Male und unendliche Taten soll er verzeihen und nicht auf Rache aus sein. Wenn Petrus so tickt wie ich, dann fühlt er sich damit ziemlich überfordert. Naheliegender ist für mich: Manchmal braucht es unendlich lange, ehe ich dazu fähig bin, von Herzen zu verzeihen.

Denn das Verzeihen ist ein Prozess. Zunächst darf und muss ich den Schmerz und die Wut zulassen über das, was mir angetan wurde. Erst danach kann ich versuchen zu verstehen, warum der andere so gehandelt hat. Vielleicht gelingt es mir dadurch loszulassen, ihm die Sache nicht mehr nachzutragen und vollkommen – aus ganzem Herzen – zu verzeihen. Doch das ist schwer.

Weitere Zahlenspiele

Die Autorin
Pastoralreferentin Anne-Marie Eising
Anne-Marie Eising ist Pastoralreferentin in der Pfarrgemeinde Heilige Brüder Ewaldi in Laer. | Foto: privat

Mir hilft dabei, dass ich mit meinen begrenzten menschlichen Möglichkeiten nicht allein dastehe. Die Zahl Sieben symbolisiert, dass Vollkommenheit möglich ist, wenn Gott und Mensch zusammenwirken. Die Drei steht für die Dreifaltigkeit und die Vier für die Erde (vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten …). Wenn ich mich auf Gott einlasse, gewinne ich Kraft und Mut zu verzeihen. Am Modell Jesu kann ich es lernen. Und mit seinem Gleichnis macht er deutlich, dass Selbsterkenntnis dabei hilft.

Der Diener – ein hoher Beamter des Königs – schuldet ihm 10.000 Talente. Eine astronomisch hohe Summe, die er nie wird bezahlen können. Statt des erbetenen Zahlungsaufschubs schenkt er ihm die Schuld. Der König ist Gott, der Diener bin ich. Ich werde immer wieder schuldig. Doch Gott verzeiht mir vollkommen. Wenn ich das erkenne und es mir zu Herzen geht, dann werde ich auch meinen Mitmenschen Lappalien verzeihen können – so, wie es eigentlich mit den 100 Denaren zu erwarten gewesen wäre. Verglichen mit den 10 000 Talenten sind die nämlich Peanuts. Wenn ich dazu nicht bereit bin, habe ich die unendliche Liebe Gottes wahrscheinlich noch nicht wirklich an mich herangelassen. Innere Folterqualen durch Groll und Wut müssten nicht sein.

Leistungsfrömmigkeit ade

Sich auf Gottes Liebe einzulassen ist Übungssache. Im Kapitel 14 des Römerbriefes geht es um unterschiedliche Übungs-, also Frömmigkeitsformen. Einige Christen hielten fest an alten Mustern, etwa jüdischen Fastenvorschriften. Andere fühlten sich ihnen überlegen. Sie wussten sich durch Christus von Leistungsfrömmigkeit befreit und sprachen ihnen den rechten Glauben ab. Paulus hält ihnen entgegen: „Wir gehören dem Herrn.“ Wir sind alle getauft. Nur darauf kommt es an. Darin sind wir eins. Wenn wir uns auf Christus ausrichten, lernen wir die Fähigkeit zum Verzeihen. Nicht auf Kommando, aber aus tiefstem Herzen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.

Drucken
Anzeige
Kampanile Medienagentur