Christoph Kleine aus Herten über einen Gott, der unsere Neugierde will

Auslegung der Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis (B)

Was denkst du über mich? So eine Frage sagt dem Fragenden etwas über sich - aber auch über den, der gefragt ist. Jesus macht das im Evangelium dieses Sonntags auch. Gedanken über einen Gott, der neugierig macht, von Pastoralreferent Christoph Kleine aus Herten.

„Sei nicht so neugierig!“ Wer hat nicht schon einmal diesen Satz einem Kind gegenüber gesagt oder gehört. Dabei ist es gerade für Kinder besonders lustvoll, Neues zu entdecken, das man zuvor nicht gekannt hat. Es gibt allerdings Situationen, in denen ein ungehemmtes Erkunden gefährlich ist, zum Beispiel wenn ein Kind die Funktionalität eines Haushaltsgeräts herauszufinden versucht oder etwas Interessantes auf der Straße entdeckt und vor Begeisterung nicht mehr auf den Verkehr achtet. Hier ist es durchaus nützlich, dass die kindliche Neugier gebremst wird durch ein anderes menschliches Empfinden: Die Vorsicht oder auch Angst vor neuen Dingen und Sachverhalten.

Das Evangelium vom 24. Sonntag im Jahreskreis (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Trotzdem: Neugierde und die Lust auf Entdeckungen sind unbedingt etwas Gutes – auch bei Erwachsenen. Ich erlebe das zum Beispiel, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Dann bin ich neugierig: Was ist das für einer, und wie ist er so? Was macht er beruflich, und was interessiert ihn in der Freizeit? Was macht ihm Spaß, und was treibt ihn an? Ich bin aber auch neugierig darauf: Wie hat er seine Wohnung eingerichtet? Wie sympathisch ist er mir? Worüber spricht er mit mir und worüber gerade eben nicht?

Das alles schwingt bei mir als neugierigem Menschen durchaus mit. Wenn meine Neugierde gestillt wird und ich einen interessanten Zeitgenossen kennen lerne, dann empfinde ich das als Lebensbereicherung.

Ein Mensch wie ein offenes Buch

Trotz aller Neugier: Einen Menschen ganz kennenlernen, sodass er wie ein offenes Buch erscheint, das scheint mir letztlich unmöglich. Selbst wenn ich jemanden seit Jahren sehr gut kenne, bleibt um ihn so etwas wie ein Mysterium. Mir scheint, als würde da tief im Innersten immer etwas Verborgenes bleiben.

Meinen Großvater zum Beispiel habe ich sehr gut gekannt und sehr gemocht. Einige Orden und militärische Abzeichen in einer Vitrine in seinem Haus machten mich schon als Kind immer wieder neugierig, und ich habe oft gefragt: „Opa, wie war das damals im Krieg?“ Aber ich habe nie eine Antwort erhalten. Niemals. Seine Erlebnisse hat mein Großvater gut gehütet und als Geheimnis mit ins Grab genommen.

Ein gefundenes Fressen

Der Autor
Christoph KleineChristoph Kleine ist Pastoralreferent in St. Antonius, Herten. | Foto: privat

Solche Geheimnisse sind für die Neugierde der meisten Menschen ein gefundenes Fressen. Ich habe mich gefragt, ob es in der christlichen Religion auch ein Geheimnis gibt, das vor Außenstehenden zu verbergen ist. Im Markus-Evangelium finden wir ein Beispiel: „Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias! Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen.“

Diese kurze Bemerkung, mit niemandem über ihn zu sprechen, passt irgendwie nicht zu Jesus. Jesus macht aus seiner Person sonst kein Geheimnis. Im Gegenteil! Ihm ist doch sehr daran gelegen, dass die Menschen ihn erkennen als den, der von Gott gesandt ist. Petrus gibt die richtige Antwort: Du bist der Messias, der die ganze Welt und alle Menschen erfüllt. Du bist der Erlöser, der das Reich Gottes auf Erden verkündet.

Aber für den Evangelisten Markus darf man in Jesus eben nicht einen Gesandten Gottes sehen, der in Glanz und Gloria daherkommt oder durch seine Wundertaten zu verstehen ist. Erst durch sein Leiden und seinen Tod erfüllt Jesus seine Aufgabe, erst sein Sterben am Kreuz und die Auferstehung zeigen uns, wer Jesus wirklich ist. Was der Evangelist Markus uns sagen will: Ihr könnt jetzt noch gar nicht wissen, wer Jesus in Wirklichkeit ist, auch wenn ihr noch so neugierig seid: Habt Geduld und redet erst davon, wenn euch dieses Geheimnis eröffnet wird!

Wir brauchen kindliche Offenheit

Für Markus kann man also erst nach Kreuzigung und Auferstehung zu verstehen beginnen und davon sprechen, wer und was Jesus ist. Aber dann spricht man davon, und wie! Das ist alles andere als ein Geheimnis, sondern das sprichwörtliche Gegenteil: Die Offenbarung.

Was wir brauchen, ist eine kindliche Offenheit, eine unverbildete, ursprüngliche Neugier für das, was Gott uns zeigen will: Wie er sich offenbart in Jesus oder auch in irgendeinem unserer Mitmenschen. Ich kann mir vorstellen, dass Gott sich darüber freut, wenn wir ihn auf diese Weise entdecken wollen. Und dass es für neugierige Menschen immer wieder Neues zu entdecken gibt, machen Kinder uns schließlich vor: Überall gibt es Türen oder Schubladen, die geöffnet werden müssen. Die Welt ist voll von Knöpfen und Schaltern, die gedrückt werden müssen. Alles muss ausprobiert werden: vom Spielzeug bis zur matschigen Pfütze.

Diese kindliche Offenheit und Neugierde, Lust am Entdecken, auch am Entdecken Gottes, die wünsche ich uns!

Sämtliche Texte der Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.