Jetzt gibt's Saures, sagt Klaudia Maria Dederichs, Schulseelsorgerin in Coesfeld

Auslegung der Lesungen vom 27. Sonntag im Jahreskreis (A)

Auch in unseren Breiten beginnt die Weinlese. Davon erzählt auch Jesus in einem Gleichnis. Aber dann geht es um Mord- und Todschlag. Was hat das alles mit Gott zu tun? Und was mit uns? Antworten von Klaudia Maria Dederichs, Schulseelsorgerin in Coesfeld.

Ausgelassene Stimmung, fröhlicher Trubel, unbeschwerte Heiterkeit, Herbstfest, Zeit der Weinlese, Feier des Lebens – dies besingt Jesaja in einem Liebeslied für seinen Freund. Dieses Lied der Freundschaft und der Sehnsucht besingt bildhaft die Zuneigung Gottes zum Menschen. Jesaja beschreibt damit die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel. Sie ist wie ein Drehbuch für einen Film geschrieben, eine Liebesgeschichte, die sich dramatisch ereignet und tragisch endet. Denn das Gedicht über Liebe, Einsatz und Fürsorge Gottes nimmt eine abrupte Wendung.

Das Evangelium vom 27. Sonntag im Jahreskreis (A) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Unter den Zuhörern muss wie eine Bombe eingeschlagen haben, dass Jesaja das Liebeslied zur Anklage werden lässt. Denn der Weinberg, ein Synonym für Israel, bringt nur saure Beeren hervor. Saure Beeren verheißen etwas, das sie nicht enthalten. Sie sind ein Bild für die Gottferne und Unmenschlichkeit, die in der Lebenswirklichkeit erfahrbar werden.

„Hast du deinen Schöpfer ganz vergessen?“

Auch in Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ herrscht zunächst ausgelassene Stimmung beim fröhlichen Festbankett. Man isst und trinkt, ist zärtlich miteinander und genießt das Leben. In die Festfreude bricht jedoch plötzlich der Tod ein: „Ei Jedermann! Ist so fröhlich dein Mut? Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?“ Ein unerwarteter, unüberhörbarer Hinweis.

Das Gleichnis Jesu von den bösen Winzern zeigt ebenfalls einen Umschwung: von der liebevollen Fürsorge des Gutsbesitzers zur eigenwilligen Selbstsorge der Pächter, die nicht bereit sind, den geforderten Anteil abzuliefern. Dieses Verhalten duldet der Herr des Weinbergs nicht. Er reagiert zunächst unter Einsatz aller Mittel im Guten. Als das jedoch alles keine Wirkung zeigt, bereitet er den Bösen ein böses Ende. Dieses Gleichnis wurde von Jesu Zuhörern unmittelbar verstanden, sie waren betroffen, denn sie merkten, dass er von ihnen sprach.

Der Stein gestörter Beziehungen

Spricht er in seinem Gleichnis auch von uns? Wer oder was bestimmt bei uns das Klima im Weinberg? Ist nicht jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht? Wir sollen uns nicht auf Kosten anderer bereichern. Barmherzigkeit, Liebe, Vertrauen und Ehrlichkeit sind Grundhaltungen, die wir einüben sollen. Räumen wir den „Stein“ gestörter Beziehungen aus dem Weg, werfen ihn nicht auf jemanden, sondern machen den Weg frei, um Schritte des Friedens zu gehen.

Bischof Klaus Hemmerle mahnte einmal, unsere Friedenssehnsucht nicht auf die Ewigkeit zu vertagen. Es geht nicht um einen Frieden im Jenseits, vielmehr soll er sich bereits in dieser Welt verwirklichen. Nur so können Liebe und Gerechtigkeit zu gelebten Werten werden.

Drei Grundsätze

Jesus verweist auf unsere Verantwortung, in aller Schärfe deutet er den Ernst der Lage an. Genau wie Jesaja, der sich nicht scheut, die Wirklichkeit beim Namen zu nennen, sondern sich leidenschaftlich engagiert. Beide wollen die Menschen an die Grundsätze eines rechten Selbstverständnisses erinnern. Diese Grundsätze sind auch die unseren:

Die Autorin
Klaudia Maria DederichsKlaudia Maria Dederichs ist Schulseelsorgerin am Bischöflichen Berufskolleg Liebfrauenschule in Coesfeld. | Foto: privat

1. Wir sind weder die Herren dieser Welt, noch über unser eigenes Leben. Wir haben den „Weinberg“ unseres Lebens anvertraut bekommen. Damit wurde uns kein Stück Wüste, sondern gutes Land verliehen, ein wohl bestellter Weingarten, die Grundvoraussetzung für ein gelingendes Leben. Wir bleiben immer Pächter, nicht Eigentümer. Wir sind Nutznießer, können aber den Nutzen nicht genießen, wenn wir die uns anvertraute Schöpfung zerstören. Ein nach wie vor hochaktueller Anspruch.

2. Wir können nicht einfach nach Belieben im Weinberg schalten und walten und egoistisch alle Früchte an uns reißen. Wir tragen Verantwortung und müssen dem Besitzer Rechenschaft ablegen, der Früchte von uns Pächtern erwartet. Es wird nicht gesagt, welche und wie viele. Der eigentliche Pachtzins ist die Anerkennung Gottes als Herrn des Weinbergs. „Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?“ Diese Frage geht an jeden Menschen.

3. Wer nur auf Gottes Güte und Langmut baut, nicht rechnet mit seiner Forderung nach Rechenschaft, der nimmt den Gott nicht ernst, der unseren verantwortlichen Umgang mit dem Weinberg unseres Lebens will. Wir sind ihm einmal Antwort schuldig über unser Tun und Lassen.

Es ist kein Zufall, dass Jesus für diese Botschaft das lebensbejahende, sinnenfreudige Bild vom Weinberg wählte. Er sprach von Wein, der das Herz des Menschen erfreut, nannte sich selbst den wahren Weinstock (Joh 15).

Wir dürfen den Wein unseres Lebens genießen

Im Weinberg unseres Lebens sollen wir Pächter nicht nur mühevolle Stunden des Abrackerns erleben, sondern genauso gut manche fröhliche Stunde verbringen dürfen. Wir dürfen den Wein unseres Lebens genießen, sollen aber den Herrn des Weinbergs nicht vergessen. Bei allem, worüber wir uns Gedanken machen müssen, können wir die letzte Sorge nur Gott selbst überlassen. Frieden und Gelassenheit kommen einzig und allein von ihm, wie die zweite Lesung sagt.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 27. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.