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Katharina Karl: Jesus schaut anders auf die Ehe

Auslegung der Lesungen vom 27. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B

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Ist die Ehe eher eine Rechtsfrage oder eine Frage der personalen Beziehung? Dazu bezieht Jesus eindeutig Stellung, sagt Katharina Karl und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Ein heikler Text ist es, mit dem wir es heute im Evangelium zu tun haben. Er trifft die biografische Erfahrung vieler Menschen, deren partnerschaftliche Beziehung zerbrochen ist. Und er trifft die kirchliche Debatte um die Unauflöslichkeit der Ehe, die sehr kontrovers geführt wird.

Auf den ersten Blick scheint die Position Jesu im Markus-Evangelium so eindeutig: Scheidung geht gar nicht. Doch bei näherem Hinsehen ist das gar nicht die Pointe der Perikope. Wie so oft hat das Evangelium verschiedene Facetten und regt zum eigenen Nachdenken an.

Rechtsfrage oder personale Beziehung?

Die Lesungen vom 27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Jesus wird von den Pharisäern in einem Streitgespräch unter Gelehrten zu seiner Meinung gefragt und macht vehement deutlich, dass es für ihn Ehebruch ist, wenn jemand seinen Partner, seine Partnerin verlässt und eine neue Beziehung eingeht. Dass Trennung und Scheidung schmerzhaft sind, steht außer Frage und ist nicht einfach zu überspringen. Während die Pharisäer auf die rechtliche Verbindung anspielen, die durchaus eine wichtige Funktion hatte, geht es Jesus um die personale Beziehung: Ehe ist Bindung an eine konkrete Person, mehr als ein Rechtsverhältnis, das urkundlich zu lösen ist. In der Beziehung haben Menschen sich einander anvertraut und preisgegeben.

In der Eheberatung tätige Menschen beobachten immer wieder, dass sich eine alte Beziehung nicht einfach auflöst, sondern erst verarbeitet und versöhnt sein muss, damit eine neue Verbindung gelingen kann. Menschen sind nicht austauschbar. Die einmal eingegangene feste Bindung an eine andere Person bleibt tatsächlich ein Leben lang prägend. Die Beziehung zweier Menschen mit und ohne Kinder hinterlässt bleibende Spuren.

Ehe eine durch Gott gestiftete Verbindung

Das heutige kirchlich-lehramtliche Verständnis der Ehe als Sakrament liegt dem Evangelium natürlich noch nicht zugrunde, daher ist der Text keine Antwort auf die Frage der sakramentalen Unauflöslichkeit. Aber er zeigt Wegmarken auf: Der Ehe wird als durch Gott gestiftete Verbindung eine besondere und auf die Person des Partners bezogene Bedeutung zugesprochen, die als Intimraum vor Willkür geschützt werden soll. Der achtsame Umgang miteinander und die Sorge um die Liebesbeziehung stehen im Zentrum.

Zugleich enthält Jesu Aussage eine andere wichtige Spitze. Die Pharisäer sprechen aus der männlichen Position: „Der Mann darf die Frau entlassen.“ Jesus dagegen sagt: „Beide begehen Ehebruch“ und leitet somit einen Perspektivwechsel ein, den der Gleichberechtigung in einer Partnerschaft.

Beide Partner ebenbürtig

Die Autorin
Prof. Dr. Katharina Karl

Katharina Karl war bis 2020 Professorin für Pastoraltheologie an der PTH Münster, seitdem wirkt sie in Eichstätt-Ingolstadt. | Foto: privat

Dies bedeutet, dass zwei Menschen an ihrer Beziehung arbeiten, um sie ringen, Konflikte adressieren und das Wohl des Anderen mitdenken. Die Verantwortung liegt nicht bei einer kirchlichen und gesellschaftlichen Institution, sondern bei den beiden ebenbürtigen Partnern.

Es ist dann auch nicht eine Frage des „Dürfens“, sondern der gemeinsamen Klärung, wie die Zukunft einer Beziehung aussieht und ob sie tragfähig ist. Dabei steht diese gemeinsame Beziehung mit dem Segen Gottes unter dem Vorzeichen, dass dies möglich ist. Gemeinsam zu wachsen und an der Liebe zu arbeiten, auch Schuld zu benennen, gehört zu einer reifen Beziehung. Angesichts der Komplexität heutiger Lebensentwürfe hat dies nicht in ers­ter Linie damit zu tun, ob Paare am Ende zusammenbleiben oder sich trennen. Das Ergebnis ist nicht das Maß, an dem die Reife gemessen werden kann. Es mag immer innere oder äußere Umstände geben, die nicht zulassen, dass das „Für-immer“ gelingt. Dass auch das Scheitern Teil des Lebens ist und von Gott (mit)getragen wird, ist ebenfalls ein trostreicher Bestandteil der christlichen Botschaft.

Segen nach Belehrung der Jünger

In diesem Sinne ist der nächste Abschnitt des Evangeliums zu verstehen. Hier zeigt der Evangelist Jesus wieder von einer anderen Seite, er zeigt seine Empathie und Zuwendung. Die Perikope zur Kindersegnung im Anschluss an das Streitgespräch und die Jüngerbelehrung zur Ehescheidung bildet Kontrast und Ergänzung zugleich und zeigt: Die Ethik Jesu bleibt nicht theoretisch, sein Verhalten orientiert sich nicht nur an Normen, sondern geht auf die Situation und die Menschen ein, vor allem auf die, die keine Stellung haben wie die Kinder.

Davon lässt sich eine Haltung lernen und ein Kriterium für die Bewertung von Normen. Der Schutz und die Würde von Menschen, das Gelingen ihrer Beziehungen, der Umgang mit Brüchen und das Wachsen in der Liebe stehen im Vordergrund.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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