Benediktinerpater Daniel Hörnemann aus Gerleve über biblische Steuertricks

Auslegung der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (A)

Hier die böse Welt und da der gute Dienst für Gott? So einfach ist die Sache nicht. Im Evangelium dieses Sonntags sieht sich Jesus selbst dieser simplen Sicht der Dinge gegenüber. Aber er entlarvt sie und deckt das eigentliche Problem auf.

Wenn Sie einmal in Ihr Portemonnaie schauen, werden Sie auf den normalen Münzen und Scheinen vor allem Abbildungen von Gebäuden finden. Darstellungen von Personen sind außer bei Gedenkmünzen eher selten. Das kleine Herzogtum Luxemburg zum Beispiel prägte seinen Großherzog Henri auf die Rückseite. Bekannter dürfte allerdings die Darstellung des Menschen von Leonardo da Vinci auf dem italienischen Euro sein.

Zur Zeit Jesu waren Münzen mit Köpfen gang und gäbe. Damals war der Denar in der gesamten antiken Welt das Hauptzahlungsmittel und eine der weltweit erfolgreichsten Währungen. Ein einfacher Arbeiter verdiente am Tag einen halben bis einen ganzen Denar und sicherte mit diesem Verdienst die Existenz seiner Familie.

Das Evangelium vom 29. Sonntag im Jahreskreis (A) zum Sehen und Hören auf unserem You-Tube-Kanal.

Die am meisten verbreitete römische Silbermünze zeigt auf der Vorderseite ein Kaiserporträt mit dem Namen des Kaisers und seinen Ämtern in der Umschrift. Zur Zeit Jesu war das Tiberius, den die Römer hoch verehrten, den die Juden jedoch als Besetzer ihres Landes hassten. Die jährliche Kopfsteuer, die sie an die Römer zu entrichten hatten, war auf einen Denar festgesetzt. Die Steuerfrage war theologisch wie politisch von hoher Brisanz.

Fangfrage an Jesus

In den letzten Lebenstagen Jesu versuchten verschiedene Religionsgruppen, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Hier machen die Pharisäer gemeinsame Sache mit den Herodianern. Mit ihrer heuchlerischen Anrede „Lehrer/Rabbi“ und ihrer Ergebenheits-Bekundung „wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person“, sagen sie ungewollt die Wahrheit über Jesus. Sie stellen ihm dann eine Fangfrage, auf die es eigentlich nur eine Antwort geben konnte. Wie sollte er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen?

Für einen gläubigen Juden konnte es nur den Glauben an den einen Gott und zugleich das Bilderverbot geben. So konnte Jesus zwangsläufig nur mit Nein antworten. Doch die Verweigerung der Steuerzahlung an den römischen Kaiser hätte politische Konsequenzen und wäre als Anstiftung zum Aufstand bewertet und bestraft worden. Wie auch immer Jesus antwortete, er hätte entweder bei den Religionsvertretern oder der Besatzungsmacht verspielt. Jesus durchschaut ihr Täuschungsmanöver und macht in seiner Anrede unmissverständlich klar, was er in ihnen sieht: „Heuchler!“ Er dreht den Spieß um und verlangt nach einem Denar.

Heftige Tempelreinigung

Dass ausgerechnet die Pharisäer die Steuermünze mit dem Kaiserbild bei sich tragen, zudem noch im Tempel, was jüdisches Empfinden deutlich verletzte, beweist, dass ihre Frage nur eine Finte war. Sie hatten bereits längst für sich die Entscheidung gefällt und wollten lediglich Jesus hinterlistig ins Dilemma führen. Wohlüberlegt und durchgeplant suchten sie eine Handhabe, um diesen lästigen Unruhestifter zu beseitigen, der schon durch seine heftige Tempelreinigungs-Aktion für unliebsames Aufsehen gesorgt hatte.

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann OSBPater Daniel Hörnemann OSB ist Subprior der Benediktinerabtei Gerleve und Theologischer Berater von „Kirche+Leben“.

Wer Jesus eine Frage stellt, geht das Risiko ein, eine umfassendere Antwort zu erhalten, als er eigentlich hören und zur Kenntnis nehmen wollte. „Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück“ (Spr 26,27). Jesu Gegenfrage nach Bild und Aufschrift der Steuermünze sollte dazu führen, dass seine Gegner sich selbst die Antwort gaben. Sie selbst haben die Tiberiusmünze bei sich und outen sich somit als Steuerzahler, die die politische wie religiöse Macht des Kaisers anerkennen. Jesus vermied jegliche Provokation auf jüdischer wie auf römischer Seite. „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!“ Die Münze mag dem abgebildeten Kaiser gehören. Sie sollen ruhig ihre Steuern entrichten. Aber womit sie nicht gerechnet und wonach sie nicht gefragt haben, folgt jetzt.

Gebt Gott, was ihm gehört

Die Pointe Jesu liegt in der Aufforderung, Gott zu geben, was ihm gehört. Letztlich nämlich gehört alles nur ihm, wie es Psalm 24,1 verdeutlicht: „Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Außer ihm gibt es keinen anderen Gott (Jes 45,5). Mit ihm kann kein irdischer Herrscher mithalten, dessen Zeit und Wirkung immer begrenzt sind. Letztlich sind weder Regierende noch Steuern von Bedeutung, sondern nur der Anspruch Gottes. Dieser nimmt interessanterweise auch die Herrscher in Dienst, wie den Perserkönig Kyrus II., den er als Hoffnungsträger für Israel im Exil einsetzte und dazu bestimmte, seinen Namen bekannt zu machen.

Jesaja verkündete die Ermutigungsbotschaft: Die ganze Welt soll die Einzigartigkeit Gottes erkennen. Unser Gott lässt die Seinen nie im Stich, sondern eröffnet ihnen stets den Weg in eine neue Zukunft, gleichgültig welche Machthaber gerade die Geschicke der Welt lenken wollen. Das gilt noch immer.

 

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