Pater Daniel Hörnemann über den Charme lästiger Beter

Auslegung der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (C)

Ein Mann schreit in einen Telefonhörer. Foto: Roman Samborskyi (Shutterstock)

Dass Treue ein hoher Wert ist, wird keiner bezweifeln. Aber dass Jesus auch eine nervige Witwe, die einem Richter reichlich lästig wird, als Vorbild hinstellt, erstaunt. Pater Daniel Hörnemann über die Lesungen dieses Sonntags.

Als der griechische Maler Apelles ein Bild fertiggestellt hatte, stellte er es öffentlich aus und versteckte sich in der Nähe, um unbemerkt die Meinung der Betrachter zu erfahren. Ein Schuster meinte, auf dem Bild sei ein Schuh nicht richtig gemalt. Auf diese berechtigte Kritik korrigierte Apelles sein Gemälde. Am nächsten Tag kritisierte der Schuster die Form der Beine, die Bekleidung und noch mehr. Das aber ließ sich der Maler nicht gefallen, trat aus seinem Versteck hervor und rief ihm zu: „Schuster, bleib bei deinem Leis­ten!“ Ein Leisten ist die meist hölzerne Modellform für Schuster, um Schuhe anzufertigen.

Als Fachmann durfte der Schuster den Maler kritisieren, nicht aber in anderen Belangen, von denen er nichts verstand. Die Redensart verwendet man, wenn jemand etwas tut oder sagt, obwohl er gar keine Kenntnisse auf dem jeweiligen Gebiet hat: „Tu nichts, wovon du nichts verstehst; rede nicht über etwas, womit du dich nicht auskennst!“ Auf derselben Linie mahnt Paulus den Timotheus (erste Lesung): „Mein Sohn! Bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast.“ Zugleich weist er auf die Quellen des Glaubens hin: „Du weißt, von wem du es gelernt hast; denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, … damit du durch den Glauben an Christus Jesus gerettet wirst.“

Die Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Drei Lesungen, ein Thema: Beharrlichkeit

Timotheus soll das Gotteswort jedoch nicht für sich behalten, sondern unermüdlich und geduldig weiterverkünden, ob gelegen oder gelegen. Das Thema Beharrlichkeit zieht sich durch alle drei Lesungen dieses Sonntags. Solange die Hände des Mose erhoben blieben, war Israel stärker, sobald sie heruntersanken, war Amalek stärker. Letztlich war der Kampf gegen Amalek für die Israeliten ein Kampf um das Festhalten an Gott.

„Amalek“ ist der Inbegriff des radikal Bösen, der Typus des Feindes Israels schlechthin, der sich in der Geschichte immer wieder erhebt in Ausbrüchen der Gewalt, der Verfolgung, der Unterdrückung und der Vernichtung. Er ist nur zu besiegen in beharrlicher Ausrichtung auf Gott, im unablässigen Gebet, das allein vielleicht gar nicht zu bewältigen ist, sondern andere Menschen braucht, die einem hilfreich unter die Arme greifen wie bei Mose.

Bleibt dran!

Hilfreiche Menschen hätte die bittende, zugleich nervende Witwe im Evangelium ebenfalls gut brauchen können, doch hat sie stattdessen mit einem skrupellosen Richter zu tun. Zwei seltsame Figuren, die in Jesu Gleichnis verdeutlichen sollen: Betet allezeit und lasst darin nicht nach! Bleibt dran, auch wenn Gott nicht sofort zu antworten scheint.

Der Richter wird doppelt negativ charakterisiert: „Er fürchtete sich nicht vor Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht.” Diese zwei Eigenschaften disqualifizieren ihn für die Ausübung des Richteramtes, weil ein Richter das Recht und die Gerechtigkeit durchzusetzen hat. Auf der anderen Seite befindet sich die alleinstehende Frau auf verlorenem Posten. Ohne ihren Mann hat sie keinen gesellschaftlichen Rang und keine Durchsetzungsmacht.

Wenn ein Richter genervt ist

Sie lässt sich aber nicht unterkriegen. Im Gegenteil, sie wird dem Richter so lästig, dass er schließlich völlig genervt keinen anderen Ausweg mehr sieht, als ihr zum Recht zu verhelfen. Eigentlich schien gegenüber einem solchen Richter die Rechtssache der Witwe bereits vor der Entscheidung verloren zu sein. Sie zeigt jedoch Beharrlichkeit und hartnäckige Ausdauer.

Sie lässt sich von nichts und niemandem abweisen, gibt keine Ruhe und hat überraschenderweise gerade damit Erfolg. Jesus illustriert mit dieser Beispielgeschichte, dass unverdrossenes Gebet den Adressaten Gott erreicht, auch wenn er nicht sofort zu antworten scheint.

Glauben und Beten sind mühsam

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Zum Gebet gehört der Glaube. Jesus schließt mit der offenen Frage: „Wird der Menschensohn bei seinem Wiederkommen noch Glauben finden auf Erden?“ Hatte jedoch nicht bereits ein Psalmist negativ Bilanz gezogen: „Hilf uns, o Herr, es sind keine Gläubigen mehr zu finden. Für Treue haben die Menschen kein Verständnis mehr“?

Glauben und Beten bleiben eine mühsame Angelegenheit. Was können sie schon bewirken? Geht der Glaube nicht oft ins Leere? Verlieren sich Gebete nicht ungehört im weiten All? Und doch sehnen wir uns nach dem Du, das über alles andere hinausgeht. Jesus fordert uns zu einer Trotzhaltung auf: Auch wenn Gebete scheinbar keine sofortige Wirkung erzielen, sollen wir dennoch dranbleiben, uns nicht irremachen lassen. Das geduldige und hartnäckige Gebet ist ein Zeichen unseres Vertrauens, dass von Gott kommen wird, was immer an Befreiung, Heilung, Gerechtigkeit noch aussteht. Der Glaube stiftet im ausdauernden Beter die zuversichtliche Hoffnung auf die Zukunft Gottes.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.