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Altabt Laurentius Schlieker: Gibt es Ehrenplätze in Gottes Welt?

Auslegung der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B

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Es ist eine der merkwürdigsten Bibelstellen überhaupt: Einige der Jünger fragen Jesus, ob sie dereinst links und rechts von seinem Thron sitzen dürfen. Wie passt das zusammen mit dem Auftrag, Diener zu sein? Eine ziemlich aktuelle Frage, findet auch Laurentius Schlieker, Altabt der Benediktinerabtei Gerleve, in seiner Schriftauslegung.

Die Evangelisten – insbesondere Markus – beschreiben den radikalen Kontrast zwischen Jesus und seinen Jüngern, wenn es um die Grundhaltung gegenüber dem Leben geht. Heute lesen wir zwischen den Zeilen von den Schwierigkeiten der Jünger mit ihrem Meister. Sie hatten sich Jesus angeschlossen in der Erwartung, davon zu profitieren, sei es, eine besondere Position in der Gruppe zu erhalten oder, wenn schon nicht jetzt, dann doch in der von Gott vollendeten Welt.

Jesus hingegen sucht für sich und seine Boten keine Repräsentanten, er braucht Zeugen, die sich von der Geis­teskraft ergreifen lassen, damit sie ihn in einer umstrittenen, friedlosen Welt mit ihren Kämpfen um Macht und Überlegenheit in Wort und Tat bezeugen. Seine Zeugin, sein Zeuge zu sein kann auch bedeuten, Leiden auf sich zu nehmen.

 

In der Opposition

 

Die Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Alle Zeugen Jesu können früher oder später in Widerspruch zu den herrschenden Werten und Zuständen geraten, in Konkurrenzkämpfe der religiösen Einstellungen, in Opposition und Unvereinbarkeit zur geltenden Weltordnung, die Ungerechtigkeit, Unterdrückung und offensichtliche Unmenschlichkeit zulässt. Wer sich auf Jesus einlässt, den leidenden unschuldigen Gottesknecht (1. Lesung), der für die Schuldigen gelitten hat, um sie von der Sünde zu retten, kommt vielleicht wie der Herr am „Kelch“, einem stellvertretenden Leiden, nicht vorbei. Der Weg Jesu, der Gottes Liebe und Barmherzigkeit gebracht hat, endete am Kreuz. Zugleich gab Jesus den Geist, als er starb. Für dieses unergründliche Geheimnis der Auferstehung im Tod legten die Jünger nach Ostern Zeugnis ab und bezahlten die Verkündigung ihres Glaubens mit dem Leben.

Die zweite Lesung ermutigt uns, uns in allem mit Vertrauen in die Nähe Gottes zu begeben. Wir können immer ohne Angst zu Gott kommen, weil er uns liebt. Von ihm bekommen wir alles, was wir brauchen und wann wir es brauchen, nämlich seine Liebe und seine Zuwendung. Jesus wirbt um unsere Mitarbeit in dieser Welt – als Dienst. Er beruft alle, sich seinem Lebensstil gemäß als Dienende einzu­üben und im Geist Jesu der Zukunft zu dienen, die Gott allein gehört.

 

Im Dienst zur Befreiung der Menschen

 

Dies ist die zentrale Botschaft des heutigen Evangeliums: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um bedient zu werden.“ Die Welt Gottes in der Vollendung, die sich Jakobus und Johannes eher eitel erträumen, wird so radikal anders sein, dass Jesus nicht einmal darüber Auskunft geben kann, ob es überhaupt noch Ehrenplätze geben wird. Entscheidend ist seine wunderbare Auskunft, dass er selbst, der Herr, die Seinen im Reich Gottes bedienen wird.

Wir verkünden Jesus als den Messias und Retter der Welt als den trotz seiner scheinbaren Machtlosigkeit hoheitsvollen Sohn Gottes. Wir werden folglich überzeugende Botschafter seiner erlösenden Liebe nicht aufgrund von Privilegien, sondern wenn wir uns als Kirche dem Dienst zur Befreiung der Menschen widmen. Nach der Devise: Zeige denen, für die du da sein willst und Verantwortung trägst, Respekt und ehrliche Zuneigung, dann entsteht auch Autorität!

 

Zu tieferen Schichten unseres Wesens

 

Der Autor

Altabt Laurentius Schlieker OSB


Laurentius Schlieker OSB ist Altabt der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: Michael Bönte

Im Sinn Jesu zu einer Haltung der Liebe zu gelangen, die frei ist von Narzissmus und bereit zum absichtslosen Geben, frei vom Verurteilen, voller Verständnis, stellt sich als eine doppelte Aufgabe: Einerseits erfordert sie, an der eigenen affektiven, emotionalen Reifung zu arbeiten, um zur inneren Freiheit zu gelangen.

Andererseits ist die Bereitschaft zu einem spirituellen Wachstum notwendig, um Zugang zu bekommen zu tieferen Schichten unseres Wesens, damit wir leben, ohne darum zu kreisen, was uns eventuell fehlt, und damit wir uns davon befreien lassen, Gefangene unserer Ängste und Bedürfnisse zu sein. Das wiederum ist Gnadengeschenk, um das wir für uns selbst und füreinander bitten.

 

Das göttliche Du

 

Wir feiern in der Eucharistie, der großen Bedankung, die Gegenwart des auferstandenen Christus, werden eins mit ihm in der heiligen Kommunion. Aber das ist nur ein Teil der eucharistischen Dimension unseres Lebens. Um ein eucharistisches Volk Gottes zu sein, muss unsere Feier der Eucharistie den befreienden Dienst an den anderen umfassen. In ihnen begegnet uns der Herr.

Es gibt kein Erlebnis, in dem sich uns die kontinuierliche Gegenwart Christi nicht anbietet. Er ist das göttliche Du in allem Menschlichen, auch im Allzumenschlichen, das er verkraftet. Er trage uns in allem und schenke uns Freude.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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