Ermutigung für Herzverscheuchte von Pater Daniel Hörnemann aus der Abtei Gerleve

Auslegung der Lesungen vom 3. Adventssonntag (Lesejahr A)

Woran soll man erkennen, dass tatsächlich der Messias kommt? Jesus sagt: Lahme gehen, Blinde sehen. Das sagt sich leicht. Benediktiner-Pater Daniel Hörnemann setzt zum 3. Advent auf eine Ermutigung für Herzverscheuchte.

Phantastische Bilder von paradiesischen Zuständen erstehen vor unseren Augen: Blinde können wieder sehen, Taube neu hören, Lahme plötzlich springen wie die Hirsche, und Stumme sprechen nicht nur, sondern frohlocken sogar. Statt Dürre fließt Wasser im Überfluss. Im zuvor gefährlichen Gebiet verläuft nun ein sicherer, ein heiliger Weg. Uralte Bilder, die zeitlos ansprechend geblieben sind.

Wenn es doch nur so wäre: Wonne und Freude stellen sich ein. Kummer und Seufzen entfliehen, man kennt sie nur noch aus ferner Erinnerung. Ob die Menschen zur Zeit des Jesaja diese Worte als Ermutigung empfinden konnten? Nach dem verlorenen Krieg waren sie deportiert worden, hatten alles verloren, die Heimat und ihren wichtigsten Kultort Jerusalem.

Dies ist kein Heile-Welt-Text

Die Lesungen vom 3. Adventssonntag (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Die Wirklichkeit sah doch ganz anders aus als die Vorstellungen eines Jesaja. Was konnte er schon damit ausrichten? Sollten sie mit einem Heile-Welt- und Wohlfühltext über die Realität hinweggetröstet werden? Zumindest hielt er die Hoffnung wach und eröffnete wenigstens in Gedanken schon einen Ausweg der Heilung aus dem Unheil.

Bereits der Hauptweg des Forum Romanum vom Kolosseum zum Kapitol hieß „Via Sacra“. Die Hauptverkehrs­ader für den überlebenswichtigen Nachschub des Französischen Heeres von Bar-le-Duc nach Verdun während der Schlacht gegen die Deutschen nannte man seit 1916 „La Voie Sacrée“. Kunstvolle Kilometersteine säumen bis heute diesen „heiligen Weg“.

„Der Weg gehört dem, der auf ihm geht“

Heilige Wege erinnern den Menschen daran, unterwegs zu bleiben und ein Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren. Jesaja kennzeichnet den „heiligen Weg“ so: „Er gehört dem, der auf ihm geht.“ Niemand anders kann einem das Gehen des eigenen Lebensweges abnehmen. Keiner kann mein Leben für mich leben. Ich muss mich selbst aufmachen, Schritt für Schritt meine Füße auf dem Weg setzen, mich der Wüste meiner Zeit aussetzen und meinem Ziel zustreben.

Es hilft, wenn mich andere Menschen ermutigen, aufbauen, stärken und erinnern. „Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest!“ Kraftlose Hände können nicht mehr greifen, halten, sich ausstrecken und fassen. Sie können nichts mehr abwehren, niemanden mehr streicheln. Erschöpfte brauchen neue Stärkung. Wankende Knie geben keine Stabilität mehr, tragen nicht länger, machen den aufrechten Stand und Gang unmöglich.

Haltlos, heimatlos und voller Selbstzweifel

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

In diese Situation der Schwäche und des Strauchelns hinein kommt der Zuspruch: „Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht!“ Martin Buber spricht die verängstigten Menschen mit einem ungewöhnlichen Wort als „herzverscheucht“ an. „Herzverscheucht“ ist jemand, der keine eigene Entscheidung mehr fällen kann und nicht mehr weiß, auf wen er sich noch verlassen soll. Haltlos und heimatlos, ohne Zuversicht und ohne Perspektive zweifelt er an sich selbst, an Gott und der Welt.

In das zutiefst beunruhigte Herz hinein wird die Botschaft gesprochen: „Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Er selbst wird kommen und euch erretten.“ Stärken, Festmachen, Zusprechen – der ganze Mensch wird in den Blick genommen, mit Händen, Knien und Herz, mit Körper und Geist. Jesaja sagt seinen Mitmenschen: Ihr habt trotz allem eine Zukunft! Sie trägt einen Namen: „Gott mit uns“, auch wenn alles dagegen spricht. Daran festzuhalten, da dranzubleiben, das ist der Inhalt von Geduld und Langmut.

Der Erwartete ist längst da

Jahrhunderte später wandte sich der Jakobusbrief mahnend und ermunternd an die gesamte damalige Christenheit: „Brüder und Schwes­tern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein; macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor.“

Das Ausbleiben seiner Ankunft, noch immer, mag uns mit Johannes dem Täufer zweifelnd fragen lassen: „Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Dabei ist der Erwartete längst da. Sein erster Advent ist vor über 2000 Jahren gewesen, unser persönlicher Advent mag bei unserem Lebensende geschehen, der letzte Advent steht noch aus, wenn diese Welt an ihr Ende kommt. Bis dahin liegt es an uns, nicht an unserem Glauben irre zu werden, sondern daran festzuhalten, die Zeichen für die Präsenz Gottes in unserem Leben zu erkennen und uns danach auszurichten.

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