Ludger Bornemann findet: Nobody is perfect. Gut so!

Auslegung der Lesungen vom 3. Fastensonntag (C)

„Nein, ich sage euch: Vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt!“ Frohe Botschaft hört sich anders an. Worum es wirklich geht, erklärt Pfarrer Ludger Bornemann aus Münster in seiner Auslegung der Sonntagslesungen.

„Nein, ich sage euch: Vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt!“ Frohe Botschaft hört sich anders an. Das klingt nicht nach dem sonstigen Vokabular Jesu von Barmherzigkeit, nach Gottes grenzenloser Geduld oder einem tröstenden „Wird schon wieder!“ Nein, diese Botschaft ist hart: Es kann auch einmal zu spät sein. Ein Baum, der keine Früchte bringt, wird umgehauen!

Die Lesungen des 3. Fastensonntags (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Gute Nachrichten, frohe Botschaften über uns als Kirche sind zur Zeit sehr selten geworden: Man redet von Veränderung – aber tut sich denn wirklich was? Ein Skandal nach dem anderen wird aufgedeckt. Man traut uns nicht mehr. Im Gegenteil: Kirchlichen Repräsentanten traut man jedes Fehlverhalten zu – und man wird es auch finden. Stotternd müssen wir zugeben: Wir Christen sind ja auch nicht „heiliger“ als die anderen. Vielleicht zahlen wir zur Zeit den hohen Preis dafür, wie überheblich und scheinheilig wir in der Vergangenheit oft aufgetreten sind: „Die anderen sollen sich nur bekehren – wir sind doch sicher auf dem richtigen Weg ...“

Lebe ich glaubwürdig?

„Wasser predigen und Wein trinken“ schlägt man uns jetzt um die Ohren. Keiner bleibt davon verschont – weil eben keiner wirklich von sich sagen kann: „Ich bin ein vorbildlicher Christ.“ Auch als Christen bleiben wir Menschen, die nicht besser und nicht schlechter als die anderen sind – und die jeden Tag bekehrungsbedürftig bleiben.

Ich muss mich selbst fragen: Stimmen mein Reden und Handeln überein? Lebe ich glaubwürdig? Kann ich zugeben, mir selbst nicht sicher zu sein? Kann ich einräumen, von meinen eigenen christlichen Ansprüchen und Idealen oft weit entfernt zu sein? Zeige ich, dass ich um mein Christsein täglich ringen muss und oft dabei versage?

Wir sind nicht so stark, wie wir gerne wären

Nein, wir sind nicht vollkommen, nicht perfekt und fertig! Aber eigentlich ist das gut so, denn sonst würde uns etwas wesentlich Menschliches fehlen: Wir bräuchten nicht zu lieben, nicht mehr zu trauern, auf nichts mehr zu hoffen – wenn wir schon fertig und perfekt wären. So gesehen ist diese Zeit heute vielleicht eine große Chance, neu zu entdecken: Wir sind als Christen und Kirche bekehrungsbedürftig. Wir machen Fehler und kommen mit vielen Dingen nicht so einfach klar. Aus uns selbst heraus sind wir nicht so stark und so gut, wie wir es gerne wären.

Diese Einsicht und das Eingeständnis, schwach zu sein, könnten helfen, neu um Gott zu betteln, bedürftig zu werden. Wir können nicht alles aus eigener Kraft machen, wir könnten entdecken, dass das Wesentliche im Leben von Gott geschenkt wird.

Ludger BornemannLudger Bornemann ist Rektor im Canisiushaus Münster und Geistlicher Leiter im Deutschen Verein vom Heiligen Land. | Foto: Michael Bönte

Gott braucht nicht die Starken und Mächtigen. Er braucht diejenigen, die um ihre Schwächen und Grenzen wissen. In der Lesung begegnet uns Mose, der große Führer und Befreier seines Volkes, als ein schwacher Mann. Als er dem brennenden Dornbusch begegnet, ist er ein Flüchtling: In Ägypten hat er einen Mord begangen, jetzt ist er in Midian als einfacher Schafhirte. Er bekommt es mit der Angst zu tun, als Gott ihn zum Führer seines Volkes machen will. Er, der Stotterer, der Mörder – wie soll er mit seinen menschlichen Schwächen diese Verantwortung übernehmen?

Gott gibt Antwort auf diese Frage, indem er seinen Namen nennt. Dabei meint biblisch „Name“ auch das, was wir heute „Wesen“ nennen würden. Doch dieser Name entpuppt sich als Nicht-Name: „Ich-bin“, ein im biblischen Hebräisch rätselhaftes Wort, ist nur ein Versuch einer deutschen Übersetzung. Der Name Gottes meint seine Gegenwart: „Ich bin da für dich, wie auch immer ich da sein werde.“ Diese Gegenwart ist das, was Kraft gibt – das Vertrauen, dass Gott da ist. In diesem Wissen brauchen wir nicht mehr aus eigener Kraft und Anstrengung zu leben, sondern können uns ganz auf Gottes Hilfe verlassen. Das bewahrt vor Hochmut und Arroganz.

Das Symbol der Schuhe

Am Dornbusch muss Mose seine Schuhe ausziehen: So kommt er in Kontakt mit der Erde, dem „Humus“. Davon leitet sich das alte lateinische Wort „humilitas“ ab, übersetzt heißt es „Demut“: geerdete Selbstwahrnehmung.

Die Schuhe sind ein Symbol. Sie stehen für die eigenen Ängste, Zweifel und falschen Selbstwahrnehmungen. Wenn ich sie ausziehe, dann bekomme ich Bodenkontakt mit der Realität und kann das, was um mich herum geschieht, aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten.

Eigentlich ist das die Umkehr, von der Jesus spricht: ein neuer Blickwinkel, der uns zu demütigen Christen und zu einer demütigen Kirche macht. Manche halten das vielleicht für schwach. Aber Demut hat nichts mit Schwäche zu tun: In den Demütigen zeigt sich im Glauben „der, der da ist, wie auch immer er da sein wird“.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 3. Fastensonntag (Lesejahr C) finden Sie hier.