Pater Daniel Hörnemann OSB

Auslegung der Lesungen vom 3. Sonntag im Jahreskreis (A)

Jesus kommt in ein Land, in dem es drunter und drüber ging. Multinational, multikulturell, multireligiös. Da geht er hin. Bewusst. Und damit ist auch gesagt: Er lässt sich an den tiefen und wunden Punkten jedes Menschen nieder.

Sebulon war der zehnte Sohn Jakobs (von seiner ersten Frau Lea) und damit hieß einer der zwölf Stämme der Hebräer so. Naftali (ein älterer Sohn Jakobs von Bilha, der Magd Rahels – s. Gen 35,25) war ebenfalls einer der zwölf Stammväter Israels. Ihre Mütter sagten zur Namensgebung ihrer Söhne: Naftali: „Ich habe über alle Maßen gekämpft und gesiegt.“ Und Sebulon: „Gott hat mich reich beschenkt.“

Hoch im Norden des Landes wurden Naftali und Sebulon als erste Stammesgebiete Israels von der assyrischen Weltmacht restlos erobert. Mit den Namen wird seitdem selbst nach mehr als 700 Jahren bis in die Zeit Jesu nur noch eine trostlose Geschichte verbunden. Aussichtslos erschien die Hoffnung, im „Galiläa der Heiden“ könnten die Menschen jemals wieder Vertrauen fassen zum Gott Israels. Die jahrhundertealte Angst vor der Macht der Gewalt saß tief, die Erinnerung an den überkommenen Glauben war verschwunden, die alten Propheten lange verstorben und ihre Worte vergessen.

Licht ins Dunkel

Matthäus verwendet die beiden Namen ganz bewusst als Ortsangabe am Beginn des Wirkens Jesu. Für den Evangelisten erfüllt sich ausgerechnet in dieser Landschaft die prophetische Ankündigung bei Jesaja: „Ein Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht!“

Das Sonntags-Evangelium zum Hören.

Jesaja sah es bereits voraus: Wo die Verzweiflung am größten, wo die Finsternis am dunkelsten, ausgerechnet da wird es hell werden. Sehr realistisch beschreibt Jesaja das schlimme Erleben von Menschen, die ihre Gottesbeziehung und ihr gläubiges Vertrauen verloren haben. Sie sehen über sich nur einen finsteren, verschlossenen Himmel, zugleich finden sie auf der ihnen von Gott geschenkten Erde keinen Halt. Doch Jesaja kündet eine Wende an. Wo jetzt noch Hoffnungslosigkeit herrscht, ausgerechnet dort beginnt eine neue Hoffnung: „Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“

Für Menschen am Rand

Es war ein Land, in dem es drunter und drüber ging. Multinational, multikulturell, multireligiös. Kanaanäer, Phönizier, Assyrer, Griechen, Römer, Juden – sie alle lebten dort miteinander, meist gegeneinander. Ausgerechnet an der Peripherie Israels beginnt Jesu Wirken, dort, wo eigentlich nichts zu erwarten ist. Offenbar hat Jesus ein Faible für Menschen am Rand, im Dunkel, in Existenznöten.

Später wurde er selbst als Galiläer beschimpft. Jesaja wusste schon vorher, dass ein Licht dort aufstrahlen würde. Und das Licht bricht durch. Nicht nur für Israel. Das „Galiläa der Heiden“ ist bei Matthäus nicht nur Sammelname für unsichere Kantonisten, für Wankelmütige und Unzuverlässige, sondern Hinweis auf die künftige Entgrenzung des messianischen Heils und die Einlösung der Jesaja-Verheißung.

Jesus kommt in meine wunden Punkte

Die Orte Sebulon und Naftali meinen nicht nur das historische Galiläa, sondern lassen sich auf unsere innere Topographie beziehen. Sie sind Orte auf der Karte unserer eigenen Seelenlandschaft. Sie stehen für Brache, Dunkel, Tiefpunkte, für Glaubensverdunstung und Beziehungsverlust.

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Subprior der Benediktinerabtei Gerleve und Theologischer Berater von „Kirche+Leben“.Pater Daniel Hörnemann OSB ist Subprior der Benediktinerabtei Gerleve und Theologischer Berater von „Kirche+Leben“.

Jesus macht sich auf in mein „Sebulon“ und mein „Naftali“. Er lässt sich an den tiefen und wunden Punkten nieder: bei meinen dunklen Seiten, die ich nicht ans Licht bringen will, meinen Schwächen, für die ich mich schäme, meinen falschen Entscheidungen in der Vergangenheit, meiner Unversöhnlichkeit, meinen enttäuschten Hoffnungen, dort, wo ein seltsames Gemisch aus Glaube und Heidentum sich in mir breit macht, wo ich mich hin- und hergerissen fühle, wo ich mit den Möglichkeiten des Glaubens kaum mehr rechne.

„Frühling in Galiläa“

Jesus brachte die verlorene Verheißung zurück. Er macht den Galiläern und damit allen Menschen bis heute deutlich, dass Gottes Reich überall anbrechen will. Matthäus erzählt vom „galiläischen Frühling“, weil Jesus gerade den vermeintlich Unreinen, Sündern und Gottlosen sein Evangelium bringt. Er beruft Menschen, von denen niemand etwas erwartet. Er sieht in ihnen mehr, als sie selbst oder andere je sehen konnten. In ihnen wirkt sein Wort. Er bringt die Wende und fordert bleibend heraus mit dem einen Satz und seiner Begründung: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“