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Barbara Kockmann: Steckt in jedem ein Pharisäer?

Auslegung der Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C

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Der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung ist schmal. Welche Figur aus der Bibel ist uns näher? Der Zöllner oder der Pharisäer fragt Barbara Kockmann und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

„Wow, das Mädchen weiß, was sie will!“ – „Was ist denn das für ein freches Mädchen!“ Unsere Tochter Thea ist jetzt eineinhalb Jahre alt und ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Vielleicht kennen Sie das: Auch wir „Großen“ sind oft von unserer Meinung überzeugt, und eine gute Portion Selbstbewusstsein finde ich wichtig. Ich versuche, meine zwei kleinen Kinder zu selbstbewussten Menschen zu erziehen. Dabei fällt mir auf: Der Grat zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein und einer Selbstüberschätzung ist manchmal fließend.

Wenn ich an Selbstüberschätzung in der Bibel denke, kommen mir direkt die Pharisäer in den Sinn. Viele Szenen werden geschildert, in denen sie sich und ihr Tun und Handeln als hochwertiger und besser ansehen als das der anderen.

Sympathien für Zöllner

Die Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

In den Gleichnissen, in denen sich Pharisäer und Zöllner begegnen, gehören meine Sympathien von Kindesbeinen an dem Zöllner, dem sofort von Berufs wegen Fehlverhalten unterstellt wird, der als Verbrecher und Sünder gilt. Manchmal werden die beiden Protagonisten gegenübergestellt, aber ich merke, dass das nicht so einfach schwarz-weiß ist.

Ist nicht der Pharisäer auch ein Teil von uns, uns sogar näher, als wir zugeben möchten? Oft ertappe ich mich dabei, wie ich mich vergleiche mit anderen, wie ich mich für besser als andere halte, unüberlegt handle oder mich mit meinen Bedürfnissen zu wichtig nehme. Dann erhebe ich mich über andere, bin selbstgerecht, urteile zu schnell und mache mein Gegenüber klein. Nicht immer gelingt es, sich selbst zurückzunehmen, sich liebevoll, aber kritisch den Spiegel vorzuhalten und sich selbst wahrzunehmen als die Person, die man ist: mit Stärken und Sonnenseiten, aber auch mit den Schwächen und Schattenseiten.

Wer andere erniedrigt, handelt unmenschlich

In den Lesungen wird uns Gott präsentiert als ein gerechter Gott. Er schaut nicht auf Status, Geschlecht und Einkommen, er schaut auf den Menschen und geht unsere Wege mit. Paulus schreibt: „Gott steht uns bei allem zur Seite und kann uns Kraft geben“.

Das Gleichnis macht deutlich: Wer glaubt, besser sein zu müssen als andere, um vor Gott zu bestehen und bei ihm etwas zu gelten, landet in einer Sackgasse. Wer sich selbst erhöht, erniedrigt andere. Wer andere erniedrigt, handelt unmenschlich. Mit dieser Haltung wird er vor Gott scheitern.

Sich selbst zu zeigen, braucht Mut

Die Autorin
Barbara Kockmann
Barbara Kockmann ist Pastoralreferentin in Dülmen und Schulseelsorgerin an der bischöflichen Marienschule. | Foto: privat

Sich vor Gott ehrlich und ohne Maske anschauen zu lassen, in der eigenen Unvollkommenheit und Erlösungsbedürftigkeit, steht im Zentrum des Evangeliums. Zugegeben: Das fällt manchmal schwer – sind wir doch getrimmt auf Perfektion und Selbstoptimierung.

Sich selbst zu zeigen, mit den eigenen Fehlern, Brüchen, braucht Mut. Der Zöllner im Evangelium steht ganz hinten im Gotteshaus; er traut sich nicht nach vorne, im Gegensatz zum selbstgerechten Pharisäer. Der Zöllner bekennt sich zu sich selbst, schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Damit bekennt er zugleich von Herzen die umfassende rettende und barmherzige Größe Gottes, der er sich anvertraut. Jesus mahnt unsere Neigung zur Selbstbezogenheit an, wenn er sagt: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Angewiesen auf Gottes Liebe

Selbst können wir uns nicht gerecht machen, auch wenn wir es uns manchmal einreden. Wir brauchen eine versöhnende und erlösende Liebe, die Gott uns in Jesus Christus schenkt. Haben wir den Mut und die Freiheit, uns von Gottes Liebe immer wieder aufrichten und versöhnen zu lassen. Lassen wir uns neu davon berühren, mit welch überwältigender Liebe Er uns anschaut, tief in unser Herz.

Wenn wir uns geliebt wissen, können wir auch uns selbst annehmen, mit dem, was unsere Schwächen sind. Wissen wir doch, dass Gott uns annimmt mit dem, was gut gelingt, und zugleich mit dem, was nicht so gut läuft.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.

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