Pfarrer Jan Kröger über die Quintessenz der Lehre Jesu

Auslegung der Lesungen vom 31. Sonntag im Jahreskreis (B)

Die Liebe ist die Quintessenz der Lehre Jesu, sagt Pfarrer Jan Kröger in seiner Auslegung des Sonntagsevangeliums. Dabei gehe es Jesus nicht um Sympathie, sondern darum, in jedem Menschen Schwester und Bruder zu sehen – auch wenn das manchmal schwer fällt.

„Jetzt sag mir doch mal in einem Satz: Warum glaubst du an Jesus?“ Es ist noch gar nicht so lange her, dass mir bei einem spontanen Gespräch auf dem Fahrrad sitzend diese Frage gestellt wurde. Für einen Theologen die Quadratur des Kreises. Etwas in nur einem Satz zu sagen, das fällt Theologen schon schwer genug. Aber dann auch noch in einem möglichst bedeutungsschweren Satz meinen Glauben zusammenzufassen – natürlich brauchte ich deutlich mehr als nur einen Satz.

Vor einer ganz ähnlichen Herausforderung steht Jesus im heutigen Evangelium. Anders als sonst hat diesmal der ihn befragende Schriftgelehrte keine zweifelhaften Hintergedanken. Es scheint fast so, als habe er Jesus schon eine ganze Zeit lang begleitet oder aber zumindest schon viel von ihm und seinem Wirken gehört.

Worauf es wirklich ankommt

Sämtliche Texte der Lesungen vom 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

Jetzt will er es wissen. Was ist die Quintessenz der Lehre Jesu? Oder anders: Sag mir in einem Satz, woran du glaubst, worauf es wirklich ankommt. Es ist nur allzu verständlich, dass man komplizierte Zusammenhänge kurz und knapp dargestellt bekommen möchte. Doch gerade bei Fragen des Glaubens ist das gar nicht so einfach, ja fast unmöglich.

Aber Jesus schafft es: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Kein Mensch kann ohne Liebe leben

Liebe ist also das zentrale Stichwort in den Ausführungen Jesu. Ein Wort, das wir in vielerlei Formen fast täglich gebrauchen: „hdl – hab dich lieb“, so ist oft am Ende einer SMS oder Whatsapp-Nachricht zu lesen.

Kein Mensch kann ohne Liebe leben. Liebe ist nicht nur ein zentrales Thema für Jesu Verkündigung, sondern für alle Menschen.

Ein großes Herz mit drei verschiedenen Farben

Bei näherem Hinsehen werden wir gewahr, dass Jesus sogar von drei verschiedenen Formen der Liebe spricht: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Im Bild gesprochen könnte man also sagen, dass Jesus nicht ein großes rosa-rotes Herz malt, sondern ein großes Herz mit drei durchaus verschiedenen Farben. Aber sie alle zusammen bilden ein großes Herz.

„Du sollst deinen Nächsten lieben ...“ Die Nächstenliebe ist für viele Menschen heute das Kennzeichen des Christseins schlechthin. Und tatsächlich bildet sie seit jeher unseren Markenkern. So würden wir heute vielleicht sagen, da auch das Bistum Münster in diesen Tagen seine Marke präsentiert.

Jesus geht es nicht um Sympathie

Der Autor
Jan Kröger ist Pfarrer in der Pfarrgemeinde St. Marien in Oldenburg.
Jan Kröger ist Pfarrer in der Pfarrgemeinde St. Marien in Oldenburg.

Für uns Christen gilt eben seit jeher nicht: „Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht.“ Das war in den Anfängen des Christentums durchaus eine neue Botschaft für seine ganz anders geprägte Umwelt. Auch 2000 Jahre später hat diese Botschaft nichts von ihrer Aktualität verloren.

Aber mal ganz ehrlich: Es gibt Menschen, die mag ich mehr, und andere, die ich durchaus weniger mag. Nächstenliebe hin oder her. Aber Jesus geht es hier nicht um Sympathie. Es geht um den ernsthaften Versuch, in jedem Menschen meine Schwester, meinen Bruder zu sehen.

Hilfe für Nächstenliebe im Alltag

Das mag zunächst schwer fallen. Ich habe jedoch eine einfache Regel gefunden, die mir im Alltag hilft, meinem Gegenüber mit Nächstenliebe zu begegnen. Gerade dann, wenn sie oder er mir nicht gerade sympathisch ist: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass alle anderen im Grunde ihres Herzens bessere Menschen sind als ich selbst. Eine einfache Regel – probieren Sie es gern einmal selbst aus.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Ganz selbstverständlich setzt Jesus hier voraus, dass jeder Mensch sich selbst liebt. Aber ist das tatsächlich so? Jeder von uns kennt doch die Zweifel an der eigenen Liebenswürdigkeit. Um Selbstverliebtheit geht es Jesus natürlich nicht. Sich selbst zu lieben meint, sich so anzunehmen und anzuerkennen, wie man eben ist, wie Gott mich gewollt hat.

Ernüchternder Satz vor der Priesterweihe

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.“ Ich erinnere mich noch sehr gut, dass uns der damalige Leiter des Priesterseminars kurz vor unserer Weihe sagte: „Sie gehen jetzt einen großen Schritt in der Nachfolge Jesu. Aber Sie wissen ja nicht einmal, ob es Gott überhaupt gibt.“ Ein ziemlich ernüchternder Satz so kurz vor der Priesterweihe. Aber ein Satz, über den ich in mittlerweile über zehn Jahren des Priesterseins immer wieder nachgedacht habe. Im Gegensatz zu vielem Anderen, was uns im Priesterseminar erzählt wurde ...

Ich wäre wohl nicht Priester, wenn ich nicht – zumindest in manchen Augenblicken meines Lebens – angerührt wäre von Gottes Liebe. Und ich kann darauf bis heute letztlich nur liebend antworten. Mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all meinen Gedanken und all meiner Kraft.