Christian Olding über Jesus in der Talentschmiede

Auslegung der Lesungen vom 33. Sonntag im Jahreskreis (A)

Wer Talent hat, ist gut dran. Wer mehr davon hat umso mehr. Aber wer kann das schon von sich sagen? Im Evangelium dieses Sonntags kommt ausgerechnet der nicht weiter, der eher talentfrei ist. Merkwürdig, findet auch Christian Olding, Kaplan in Geldern.

Eine Sache hat mich bei diesem Evangelium lange Zeit gestört. Ich empfand sie immer als richtig mies. Warum nur muss gerade der Diener mit dem einen Talent leer ausgehen? Hätte man nicht auch den Besitzer der fünf Talente vorführen und als ängstlichen Drückeberger darstellen können? Es hätte dem mit dem einen Talent doch viel besser zu Gesicht gestanden, als Vorbild aus dieser Episode zu marschieren.

Das Evangelium vom 33. Sonntag im Jahreskreis (A) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Doch ich muss mir eingestehen, dass mich das Gleichnis so viel eher trifft. Wer ist denn schon der Überzeugung, dass ihn dieses Leben mit überreichen Gaben, Chancen und Möglichkeiten ausgestattet hätte? Lasse ich meinen vergleichenden Blick über andere schweifen, fiele mir definitiv das ein oder andere ein, das ich gern als Startkapital für dieses Leben bekommen hätte.

Ein schleichendes Gefühl

Dieser Neid, das schleichende Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, dürfte nicht nur mich manchmal packen, sondern auch im Verhalten des Dieners eine entscheidende Rolle spielen. Neid ist niemals produktiv. Er lähmt nur. Er frustriert. Ich bekomme sowieso nicht, was ich neide. Doch Neid hat viel schlimmere Auswirkungen. Er allein kann jede Initiative abtöten. Statt mit dem zu haushalten, was mein ist, lasse ich es lieber ganz bleiben.

Außerdem wird dieser erste Impuls nicht ganz den Tatsachen des Gleichnisses gerecht. Auch wenn ich ihnen mehr gegönnt hätte, so erhalten die Knechte Beträge, die einem Lebensunterhalt von mehreren Jahrzehnten entsprechen. Außerdem werden ihnen keine Auflagen erteilt. Sie erhalten viele Jahre Zeit, mit dem Vermögen sinnvoll zu haushalten. Das Gleichnis geht also davon aus, dass jeder mehr als genug erhalten hat.

Jedem wurde soviel zugeteilt, wie es seinen Fähigkeiten entspricht. Nicht mehr, aber eben auch definitiv nicht weniger. Diese Verteilung bedeutet nicht nur: Ich habe genug. Es bedeutet auch: Gott nimmt Rücksicht auf mich. Ich muss nichts Unmögliches leisten. Gott will mich definitiv nicht überfordern. Das mache ich höchstens selber.

Ein kostbares Gut

Dieses Leben liegt in meinen Händen. Es ist mir anvertraut, und das sollte ich mir immer wieder bewusst machen. Dieses kostbare Gut sollte ich weder missbrauchen, noch vergraben. Meine Zeit liegt in meinen Händen, manchmal sogar die anderer Menschen. Auch die sollte ich nicht missbrauchen und verschwenden. Kinder sind ihren Eltern anvertraut, Geschwister und Freunde einander. Meine Fähigkeiten und Begabungen liegen in meinen Händen und sind mir anvertraut für Arbeit, Freizeit und Familie.

Der Autor
Christian OldingChristian Olding ist Kaplan in St. Maria Magdalena, Geldern. | Foto: Andrea Faure

Das Problem des Dritten liegt in seiner Angst. Er hat Angst, etwas falsch zu machen. So hat er sich in seinem Sicherheitsstreben verfangen und jeden Mut verloren, etwas zu riskieren. Seine Antwort dem Herrn gegenüber ist trotzig und arrogant. Seine Haltung verhindert, dass er mit seinem Vermögen sinnvoll haushalten kann. Er ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen für das, was ihm anvertraut wurde.

Trainiere deine Anlagen!

Ungenutztes Kapital verliert seinen Wert. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Binsenweisheit, sondern auch eine Tatsache mit Blick auf persönliche Anlagen und Kompetenzen. Nutze ich sie nicht, trainiere und schule ich sie nicht, stehe ich am Ende mit leeren Händen da. Dabei ist es etwas zutiefst Befriedigendes und Lebensförderliches, mit den eigenen Talenten etwas zu machen, sie zu nutzen und wachsen zu sehen.

Mit diesem Gleichnis geht es Jesus um das Himmelreich, um das Reich Gottes. Auch das ist mir anvertraut. Auch daran soll ich mit meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten mit bauen. Durch die Taufe und die Firmung habe ich es in meine Hände gelegt bekommen, ist es mir anvertraut worden.

Der Einsatz lohnt sich

Das Gleichnis fragt, ob ich einer bin, der sein Leben im Glauben und in der Kirche gestaltet. Wie der Dritte im Bunde kann ich diese Verantwortung verweigern. Ich tue so, als ginge mich das nichts an. Die beiden anderen Knechte nehmen das Anliegen ihres Herrn ernst. Sie identifizieren sich damit und haben Erfolg. Am Ende wird nicht abkassiert, sondern die Verheißung für diesen Einsatz lautet: „Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ Der Einsatz für das Reich lohnt sich. Deswegen überwinde deine Angst und tu etwas.

Entweder kann ich also zu Gott sagen: „Hier hast du dein Zeug zurück. Das ist nicht meines. Damit will ich nichts zu tun haben.“ Oder ich mache mich auf den Weg und beginne zu entdecken, dass die Freude eines sinnvollen Lebens, des Engagements für Gott und der Identifikation mit seiner Sache schon hier und jetzt beginnt. Denn das will Jesus Christus einem jeden von uns sagen können: „Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 33. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.