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Michael Baumbach: Ein Ende kann entlastend sein

Auslegung der Lesungen vom 33. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C

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Wenn das eigene und das Leben anderer ins Wanken gerät, machen sich immer wieder Angst und Verzweiflung breit. Doch ein vermeintlicher Albtraum kann sich zu einem Neuanfang entwickeln, sagt Michael Baumbach und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

„Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.“ Als die Christen der ersten Generationen diesen Satz hörten, sahen sie bereits den Tempel von Jerusalem in Schutt und Asche liegen. Vertrautes war nicht mehr da. Mehr noch – Gottes Wohnung unter den Menschen war zerstört. Das Zentrum der Religion war gottverlassen. Keine Sicherheit mehr, kein tröstender Blick auf den Tempel, kein Ort, von dem Zuversicht ausgeht, aber auch kein Ort mehr, um zu opfern. Der Albtraum war wirklich, das Ende der Zeiten nahe.

Immer wieder gab es Abgesänge auf Religionen und Kulte. Das Volk Israel hatte oft erfahren müssen, dass Bauten aus Stein und Ideen von Gott verloren gingen. Das Exil war eine traumatische Wunde im Herzen des Volkes, so gravierend, dass das Anknüpfen an die Zeit vor dem Exil erst langsam gelernt werden musste.

Stadt Jerusalem zerstört

Selbst heute sehen einige Zeitgenossen die Existenz der Kirche durch Reformbewegungen bedroht. Die Geschichte lehrt, dass Überzeugungen und Traditionen in Religionen auch ein Verfallsdatum haben können.

Aber beim Jüdischen Krieg wurde nicht nur der Tempel zerstört, sondern auch die Stadt Jerusalem. Es starben viele Menschen. Auf römischer Seite kämpften allein 60.000 Legionäre. Menschen verloren ihr Zuhause, ihre Existenzgrundlagen, ihr Leben.

Der Ausdruck der Verzweiflung

Als ich ein kleiner Junge war, brannte in der Nachbarschaft ein Hof ab. Einige Eindrücke sind meinem Gedächtnis treu geblieben, auch der Ausdruck auf dem Gesicht der Bäuerin: Entsetzen, Haltlosigkeit, Leere.

Die Lesungen vom 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Diesen Ausdruck sehen wir auf den Gesichtern von Geflüchteten, Ausgebombten, Verzweifelten auf der ganzen Welt und hin und wieder in unserer Nähe. Ob es Schicksal genannt wird oder Unglück, ob der verzweifelte Ausdruck den Hass und die Gewalt der Aggressoren spiegelt, es regt sich Widerstand in uns: „Das soll – das darf es nicht geben! Das ist nicht richtig! Wir Menschen sind dafür nicht geschaffen!“

Albträume können zum Befreiungsschlag führen

Eine Botschaft des Evangeliums ist es, die Albträume des Lebens als etwas zu begreifen, was zum großen Befreiungsschlag zwingend dazu gehört. Krieg und Unruhen, Seuchen und Hungersnöte, Zerstörung und Untergang sollen nicht das Ende sein, sondern all das weist auf ein Ende hin, das Schluss macht mit dem Leid, das Verzweiflung in Glück verwandelt, Klagen in Jubel. In der Verfolgung, in der Situation der Angst, das Leben zu verlieren, ermöglicht die Erwartung des nahen Endes der Welt, ein Glaubensbekenntnis abzulegen und das Leben zu riskieren.

Der Autor
Michael Baumbach
Michael Baumbach arbeitet in der Leitung des Ordens der Missionare von der Heiligen Familie mit und ist ehrenamtlicher Seelsorger in St. Joseph, Münster.

Da schleicht sich der Gedanke der Vertröstung ein. Den Vertrösteten nimmt man noch das letzte Aufbegehren, den letzten Mut, aufzustehen und etwas zu verändern. Aber wenn Veränderung oder Verbesserung nicht mehr möglich sind, ohne die Wirklichkeit komplett zu leugnen, dann kann das Erwarten eines Endes der Albträume auch Ausdruck von Würde und Mut sein.

Vertrautes oder Liebgewordenes, Gewohntes oder Wichtiges kann enden. Diese Wahrheit unterstreicht das Evangelium. Unsere Selbstverständlichkeiten und unsere „kleinen“ Welten können vergehen. Selbst Menschen an unserer Seite können gehen, und letztlich werden wir unser Leben verlieren. Das Entlastende der Botschaft: Dinge können enden, Entwicklungen versanden und gestern noch Unumstößliches, bröckelt heute und wird morgen nicht mehr sein.

Fatalismus fehl am Platz

Und nein! Diese Erkenntnis muss nicht in Fatalismus münden, in der Haltung, sich ergeben in das Schicksal zu fügen. Ein Ende kann entlastend sein und den Albdruck nehmen und vieles kann geklärt werden.

Die Stelle des Evangeliums endet darum nicht mit Verzweiflung, sondern mit Hoffnung und Zuversicht. Wenn Jesus den Seinen Bedrängnis, Gefangennahme und Verrat vorhersagt, dann aber auch Schutz und Perspektive: „Euch wird kein Haar gekrümmt.“

Vermutlich ist damit gemeint, grundsätzlich gerettet zu sein. Es soll eben für alle Nachfolgenden gelten, was Jesus selbst erlebte: Alles zu verlieren, selbst das Leben, und dann Leben aus dem Nichts eingehaucht zu bekommen, ein Leben, das dann wirklich nicht mehr endet, weil es kein Ende mehr braucht. Es ist dann alles unendlich gut.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.

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