Die Gottesferne hat ein Ende

Auslegung der Lesungen vom 4. Adventssonntag (Lesejahr A)

An diesem vierten Adventssonntag kommt Weihnachten schon ordentlich in den Blick. Das Evangelium nach Mattähus berichtet von der Geburt Jesu, von seiner Mutter - und von einem Mann, der danach einfach wieder verschwand. Pater Daniel Hörnemann von der Benediktinerabtei Gerleve stellt ihn ins Zentrum seiner Schriftauslegung: Josef.

Er hat sich nie in den Vordergrund gedrängt. Die Bibel nennt ihn nur an wenigen Stellen. Josef blieb immer der Mann am Rand. Aber er spielte eine bedeutsame Rolle in der Geschichte seines Ziehsohnes Jesus. Dem Stammbaum im Matthäus-Evangelium nach ist er das Bindeglied zwischen König David und Jesus.

Als älteren Mann haben wir ihn vor Augen, wie er an der Krippe über Mutter und Kind die Stall-Laterne hält oder seinem heranwachsenden Sohn das Zimmermannshandwerk erklärt. Josef, „der Arbeiter“, musste mit seiner Familie dorthin ziehen, wo es Lohn und Brot gab. Nach dem Matthäus-Evangelium durchleidet er angesichts der Schwangerschaft Marias einen seelischen Konflikt. Er will sich von ihr trennen, doch wie ein Gentleman diskret und ohne Aufsehen.

Und dann verschwand Josef

Die Lesungen vom 4. Adventssonntag (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Die Erscheinung eines Engels überzeugt ihn jedoch davon, bei ihr und dem Kind zu bleiben und beide durch alle Gefahren zu begleiten. Als gesetzlicher Vater gibt er dem Messias-Kind seinen Namen: Jesus, das heißt „Gott wirkt heilend, rettend und erlösend“. Nach der Darstellung Jesu im Tempel rettet er die Seinen vor dem Kindermord des Herodes. Als die Gefahr vorüber ist, kehrt die Familie aus Ägypten zurück und lässt sich in Nazareth nieder.

Ein letztes Mal wird Josef erwähnt bei der Suche der Eltern nach Jesus während der Wallfahrt nach Jerusalem. Danach und noch vor dem öffentlichen Auftreten Jesu ist er verschwunden. Seine Aufgabe ist erfüllt. Er ist der große Hörende und Nachdenkliche. Kein einziges Wort wird von ihm berichtet. Matthäus bezeichnet ihn als „gerecht“, als jemanden, der sich ganz auf Gottes Plan ausrichtet und seine eigenen Vorhaben hintanstellt. Damit scheint alles über ihn gesagt.

Unheimliche Figur in der Klosterkirche

Am Rand findet sich Josef auch in unserer Abteikirche in Gerleve – seit 2016 an der rechten Chorseite als ungewöhnliche, lebensgroße Statue des Klosterpatrons. „Da steht ja jemand!“ wird nicht selten irritiert gerufen. Die Figur des Künstlers Bruno Walpoth hat wenig mit traditionellen Darstellungen gemeinsam. Für viele wirkt sie befremdlich bis verstörend. Es braucht eine Zeit, sich mit dieser Skulptur vertraut zu machen.

Dieser Josef wirkt jung und empfindsam, geradezu verletzlich, zugleich von eigener Stärke. Barfuß mit Bodenkontakt steht er in langem Rock und Pullover dem Betrachter gegenüber. Sein Blick, seine Aufmerksamkeit gehen nach innen. Ein Träumer. Seine Träume sind jedoch keine Hirngespinste, sondern geben ihm Wegweisung durch das Leben.

Der Südtiroler Bildhauer stellt Josef nicht als klassisches Heiligenbild dar, sondern wie einen Menschen, dem man im Alltag begegnen könnte. Unaufdringlich, aber sehr präsent, ansprechend, aber nicht vereinnahmend. Beeindruckend und hinweisend auf den Größeren.

"Gott liebt es, belästigt zu werden"

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Josef war bestimmt keiner, der Gott lästig fiel, ihn ermüdete oder ihm auf die Nerven ging, wie Jesaja den König Ahas kritisiert. Dieser stellte die Geduld Gottes auf die Probe, er wollte ihn um nichts bitten. Seine Verschlossenheit brach der Herr auf. Der Pfarrer von Ars, Johannes-Maria Vianney (1786-1859), sagte zu dem Stichwort „Belästigung“: „Der liebe Gott liebt es, belästigt zu werden.“ Er gab von sich aus ein Zeichen, das Zeichen des menschgewordenen Immanuel.

Gott wurde nicht einsam und allein Mensch, er bezog Menschen in seine Menschwerdung ein. Zuallererst Maria, dann aber auch Josef. Sein Zeichen der positiven Zuwendung zur Menschheit ist nach dem Propheten Jesaja das Kind, das in seinem Namen Immanuel die Wirklichkeit Gottes für die Menschen durch alle Zeiten verkörpert.

Blockierer und Wegbereiter

Paulus sieht sich dazu berufen, das Evangelium von diesem Gottessohn zu verkünden, „der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist in Macht seit der Auferstehung von den Toten“ (Röm 1,4). Es gibt Blockierer wie Ahas, die sich Gott entgegenstellen. Aber auch Wegbereiter: Der Prophet einer Wendezeit Jesaja, der wortmächtige Evangeliumsverkünder Paulus, die Gottesmutter Maria, der stille und zugleich einsatzfreudige Josef, sie alle sind mit ihren unterschiedlichen Temperamenten und Talenten Wegbereiter für den „Gott mit uns“.

Wir brauchen nicht exakt in ihre Fußstapfen zu treten, das schaffen wir sowieso nicht. Wir können dennoch nach unseren je eigenen Möglichkeiten etwas vom „Gott mit uns“ in diese Welt hineinbringen. Die Gottesferne hat ein Ende. Menschen können anderen Gott nahe bringen.

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