Julia Hielscher stellt fest: Nicht allen gehen die Augen auf

Auslegung der Lesungen vom 4. Fastensonntag (A)

»Wie oft sind wir in unserem Leben blind für andere!«, beklagt Julia Hielscher in ihrer Auslegung des Sonntags-Evangeliums.
»Wie oft sind wir in unserem Leben blind für andere!«, beklagt Julia Hielscher in ihrer Auslegung des Sonntags-Evangeliums.Foto: Shutterstock

Wie viel Gottvertrauen braucht man, um wahrhaft sehen zu können? Zum heutigen vierten Fastensonntag nehmen wir mit dem Evangelium nach Johannes das Sehen in den Blick. Das Licht der Welt lässt den von Geburt an Blinden sehend werden.

In der Langfassung des Evangeliums-Textes sieht Jesus am Wegrand einen blinden Mann sitzen. Die Jünger sehen in der Blindheit eine Strafe Gottes. Doch Jesus erklärt ihnen, der Mann sei blind, damit an ihm die Herrlichkeit Gottes offenbar werde. So spricht er den Blinden an, streicht ihm einen Teig aus Erde und seinem Speichel auf die Augen und schickt den Blinden zum Teich Schiloach, damit er sich dort wäscht. Als der Mann zurückkommt, kann er sehen, und alle fragen sich, ob er tatsächlich der vormals blinde Mann sei.

Das Evangelium zum Hören (Kurzfassung).

Er erzählt allen seine Geschichte und dass Jesus ihn geheilt habe. Da wird er zu den Pharisäern geschickt. Sie verhören ihn und später auch seine Eltern. Als sie alles gehört haben, verstoßen sie den sehend gewordenen Mann, da er voll Sünde sei, sonst wäre er nicht blind geboren worden. Bald darauf trifft Jesus den Mann erneut, offenbart sich íhm als der Menschensohn. Von da an glaubt der Mann. Die Pharisäer lehnen dies ab und verbleiben in ihrer Blindheit gegenüber dem wahren Menschensohn.

Das kostbare Licht

Das »Licht der Welt«, so nennt sich Jesus selbst in dieser Geschichte. Licht ist eine Kostbarkeit, denn es kann mit allen geteilt werden und wird doch nicht weniger. Nimmt man einen Apfel und teilt ihn mit vier Freunden, so erhält jeder nur einen kleinen Teil von dem Apfel. Nimmt man aber eine Kerze und gibt das Licht dieser Kerze an vier Freunde weiter, so haben alle die gleiche Menge Licht.

Die Autorin
Julia Hielscher ist Masterstudentin der Theologie an der WWU und der Kunst an der Kunstakademie in Münster. | Foto: privatJulia Hielscher ist Masterstudentin der Theologie an der WWU und der Kunst an der Kunstakademie in Münster. | Foto: privat

Wenn man ohne Licht in einem vollkommen dunklen Raum ist, ist man blind, auch wenn die Augen nicht erkrankt sind. Unser Sehsinn funktioniert nur mithilfe von Licht. So muss sich der blinde Mann auch gefühlt haben. Er war sein Leben lang im Dunkeln und zusätzlich noch allein gelassen, weil man davon ausging, dass er Schuld auf sich geladen und dafür seine Strafe zu erleiden hatte. Was muss das für ein Gefühl für ihn gewesen sein, die Augen zu öffnen und plötzlich sehen zu können!

Begrenzte Sicht

Wie oft sind auch wir in unserem Leben blind für andere! Wir sehen uns und unsere Probleme, aber nehmen wir wahr, wenn es unserem Gegenüber schlecht geht? Können wir uns und unsere Sorgen zurückstellen und zunächst für den anderen da sein? Manchmal sind wir jedoch auch blind für uns selbst, für die Signale, die unser Körper uns gibt: Du brauchst Ruhe! Schalt mal einen Gang zurück! Wir müssen unsere Augen öffnen und sehen.

Am Ende der Bibelstelle werden die Pharisäer als Blinde bezeichnet, obwohl sie ihre Sehkraft besaßen. Allerdings sind sie nicht fähig, das Wunder zu sehen und an Jesus Christus zu glauben oder gar den Glauben selbst zu leben. Sie sind die wahren Blinden, indem sie die Meinung vertreten, dass der blinde Mann nur seiner Schuld wegen blind sei. Zudem scheint ihnen viel gravierender, dass Jesus an einem Sabbat wirkte, als die Wunderheilung an sich. Der blinde Mann hat das Sehen erst im zweiten Gespräch mit Jesus erfahren, als er Gott vertraute und zum Glauben fand.

Und so frage ich mich: Wie viel Gottvertrauen brauche ich, um auf Gottes Wort zu vertrauen?