Pater Elmar Salmann aus der Abtei Gerleve über Blindheit und Durchblick

Auslegung der Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr A)

Wie soll man damit umgehen? Jesus macht einen Menschen sehend, der von Geburt an blind war. Doch die Priester bleiben kurzsichtig und kritisieren, dass Jesus am Sabbat heilt. Womit nur alles verstellen wir uns den Blick für das Wesentliche? Pater Elmar Salmann aus der Benediktinerabtei Gerleve wagt den Durchblick in seiner Auslegung der Lesungen dieses Sonntags.

Ein großes Stück Weltliteratur, diese Erzählung vom Blindgeborenen, die uns vom unentrinnbaren Verblendungszusammenhang berichtet, der die Menschen falsch sehend und falsch blind macht, ja gerade ihre scheinbare Hellsicht, ihr Urteilen erweisen sich als abwegig, in die Irre führend. Das Labyrinth der Irrungen und Wirrungen, der schiefen Fragen und schrägen dogmatischen Sicherheiten, in dem wir allesamt befangen sind, ist bei Johannes mit einer magischen Genauigkeit gezeichnet, die eine Atmosphäre schafft, die wir aus den Romanen Franz Kafkas, der ‚Pest‘ von Albert Camus und der „Stadt der Blinden” von José Saramago kennen.

Auch der Roman „Mein Name sei Gantenbein” von Max Frisch (1964) lebt davon, dass ein Sehender, der sich blind stellt, alles ‚seitenverkehrt‘ sieht. Alle halten ihn für blind, nur er weiß, dass er sieht – aber sieht er deshalb besser, wahrer, der Wirklichkeit der Vielen gemäßer? Ist er in seiner scheinbaren Hellsicht nicht noch isolierter, ein Getäuschter?

Moralvorschriften oder Wunder?

Die Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Im Evangelium führt eine gute Tat, ein Heilungswunder Jesu zu einem Spinnennetz an Spekulation und Unterstellungen. Da ist der Geheilte selbst, der nur das ihm Widerfahrende berichten kann. Er kennt weder die weiteren Umstände noch gar die Identität seines Retters – wie begrenzt ist sein Blick, seine Welt. Aber an seiner kleinen Einsicht hält er fest, gegen alle Bestreitung; auch als man seinen ‚Arzt‘ verleumdet, besteht er auf seiner Erfahrung und der Größe dessen, der ihn ja nicht nur von physischer Blindheit, sondern auch vom moralischen Makel und der sozialen Verachtung befreit hat.

Schwieriger schon die Lage der Eltern, die das Geschehen freudig und zugleich verunsichert eingestehen müssen, aber die ideologischen Folgen und Kontroversen scheuen und ihren Sohn allein lassen. Schließlich die Theologen und Priester, gespalten zwischen ihren Moral- und Ritenvorschriften und der Einsicht in ein mögliches Wunder. Sie lavieren hin und her, widersprechen sich selbst und einander, beschimpfen und bedrohen den Geheilten, glauben sich sehend und tappen doch im Düsteren.

Wir können uns nicht sehen

An diesem Punkt ist es gut, das Seltsame menschlichen Wertens und Urteilens zu erwägen, das Netz der Empfindungen, Vorurteile, blinden und gelben Flecken, die jeden Menschen und ihr Miteinander bestimmen. Wir können uns nicht sehen, sehen unser Profil nicht, können uns kaum von fern und außen betrachten, wissen nie, was der andere spontan denkt, wenn er uns sieht.

Unser Blick ist gehalten, übersichtig und kurzsichtig, ja blind zugleich. Und politisch-religiöse Ideologien, Ängste, Vorlieben verstärken diesen unvermeidlichen Effekt noch. Es ist ein weiter Weg bis zur Lauterkeit, die die Reichweite und Begrenztheit des eigenen Urteilvermögens erahnt.

Wie Jesus sieht

In der Mitte und im Hintergrund der Erzählung steht die Gestalt Jesu, der um all das weiß, dem Einzelnen gegenwärtig ist, ihn zu seinem einmaligen Weg ermutigt und allen globalen Behauptungen widersteht. Ein Schauender, der wohl auch darum weiß, wie die anderen ihn sehen.

In der „Stadt der Blinden” von Saramago gibt es die insgeheim sehend gebliebene Frau eines Arztes, die mit ihrem erblindeten Mann das Geschick der Einsperrung in die Anstalt der Blinden teilt, eine Art KZ blinden Terrors. Diese erweist sich langsam als die Gestalt der Heilung. Sie begleitet einige Blinde aus dem Inferno, widersteht der Gewalt, tötet das Haupt des mafiösen Systems. Eine, freilich auch schuldige, einsame Gestalt, die ihr Geschick sehend auf sich nimmt und zum Ausgang der Aufklärung, der Wiederkehr des Lichtes wird.

Souveränität und lichte Güte

Pater Elmar Salmann.
Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz.

Eine anonyme Jesusgestalt. In seinem Jesusroman zeichnet der Autor freilich auch diesen in seiner Ambivalenz. Jesus will dort die Menschen vor dem tyrannischen Gott der Opfer retten, bleibt aber blind auf einem höheren Niveau. Er sieht nicht, wie viel an Gewalt aus der Bewegung entstehen wird, die er begründet, wie groß die unaufhebbare Blindheit und Verblendung unter den Menschen sind.

Vielleicht tun wir am Ende gut daran, die herbe Präsenz der Gestalt Jesu auf uns wirken zu lassen, seine Souveränität und lichte Güte, von der der Epheserbrief spricht.

Wir Menschen können und dürfen nicht anders, als darauf zu setzen, dass dieses Helle und Leuchtende in uns und der Welt stärker ist als alles Zwielicht. Davon erzählt das Evangelium und lässt uns staunen über die demütige Größe Gottes und des geheilten Blindgeborenen inmitten noch so großer Irrsal.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr A) finden Sie hier.