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Abt Andreas Werner aus Gerleve: Schau an, was dir Angst macht

Auslegung der Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr B)

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Zwei starke Symbole begegnen im Evangelium dieses Sonntags: die kupferne Schlange aus der Moses-Geschichte und das Kreuz, an dem Jesus starb. Warum und wie beides damit zu tun hat, heil zu werden, erläutert Abt Andreas Werner aus der Abtei Gerleve in seiner Schriftauslegung.

Wir waren bereit für den feierlichen Einzug in die Kirche: Kreuz voran, wir als „Armleuchter” – so nannten wir uns, die Kerzenträger – rechts und links daneben. Unser Bruder Viktor, ein kräftiger Mann, der sein Leben lang im Garten und auf dem Feld gearbeitet hatte, trug das schwere Kreuz.

Ich war Novize, erst kurze Zeit im Kloster. Bruder Viktor, dieser altgediente Mitbruder, sagte zu mir: „Wenn was ist: Immer darauf gucken!“ Dabei wies er mit seinem Blick auf den Gekreuzigten. Eine eindrückliche Szene, die mich heute noch bewegt, wenn ich an sie denke. Bruder Viktor hatte aus diesem Blick gelebt, das spürte ich.

 

Kupferschlange und Kreuz

 

Die Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Ein Bezug fiel mir ein, auf den das Evangelium ausdrücklich hinweist: Nach einer Erzählung im Buch Numeri schickte Gott Schlangen unter die Israeliten als Strafe für ihre Ungeduld, Undankbarkeit und ihr Murren während des Exodus durch die Wüste. „Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben“ (Num 21,6-9). Es ist wichtig, dass die Leute begreifen, woher all das kommt, was sie in der Wüste erhalten. Um dieses Aufschauen geht es dem Evangelisten Johannes.

Die Heilung der Israeliten durch den Blick auf die Schlange steht bildhaft für das Heil, das Jesus durch seinen Tod am Kreuz, ebenso „erhöht“ am Holz hängend, erwirkt hat. Der Gläubige erfährt Heilung, wenn er auf den Gekreuzigten blickt wie die Israeliten auf die Schlange. Der giftige Schlangenbiss und seine Folgen symbolisieren nach christlicher Auffassung die zerstörende und krank machende Sünde, von der die Menschheit durch Christus, der diese Sünden an seinem Leib ans Kreuz trug, befreit wurde.

 

Auf dem Weg der Freiheit

 

Die kupferne Schlange kann symbolisch für Gottes Weg vom Tod zum Leben und auch für das Gericht über die Sünde im Tod Christi (Röm 8,3) angesehen werden. Wie damals die Schlange, so wird jetzt Christus erhöht, und als der Erhöhte – und zwar sowohl als der ans Kreuz Erhöhte wie auch als der zum Vater Erhöhte – spendet Christus Leben, gegen den Tod.

Zur Freiheit müssen wir befreit werden. Auf dem Weg der Freiheit, auf dem Weg ins verheißene Land, bedürfen wir der Erlösung und des Erlösers. Das Kreuz erinnert uns an die Einsicht des Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Die Strafe für unsere Unfreiheit bewirkt die Erlösung zur Freiheit. Denn sie bringt uns zu dem, was wir wollen: zu einem selbstbestimmten Leben.

 

Verdrängtes kommt ans Licht

 

Der Autor
Abt der Benediktinerabtei Gerleve Andreas Werner OSB.
Abt der Benediktinerabtei Gerleve Andreas Werner OSB.

Warum das ansehen, was man am meisten fürchtet? Ein therapeutisches Konzept: Man muss sich mit dem beschäftigen, was man am meisten fürchtet. Das Verdrängte wird hervorgeholt und ans Licht gebracht. Es muss bewusst angesehen werden; nur so lassen sich neue Möglichkeiten entdecken. Anders ist der Schrecken nicht zu besiegen. Versucht man davonzulaufen kann, wird man immer neu von ihm eingeholt. Wir können das Leben entdecken, wenn wir anschauen, was uns bedroht, wenn wir vor dem, was uns Angst macht, die Augen nicht verschließen.

Der Aufblick zum Symbol der Rettung erfordert die Einsicht, dass man sich nicht selber helfen kann. Der rettende und heilende Blick auf die Schlange weist prophetisch auf den rettenden Glauben: Im Glauben und Vertrauen, dass Jesus am Kreuz auch für meine Sünden litt und starb, werde ich die Sünde los und erlange das ewige Leben.

 

Gott liebt uns wie seinen Sohn

 

Der Brief an die Epheser weitet den Blick der Erlösung und bezieht uns, die Glaubenden, mit ein: „zusammen mit Christus sind wir lebendig gemacht“. Der Tod, von dem der Brief spricht, ist der Tod, der in der Trennung von Gott besteht. Darum hat Jesus sein Leben gegeben: damit tote Sünder ihre tödliche Krankheit los-werden und zu neuem Leben in der Gemeinschaft mit Gott finden.

Darum ist Christus auferstanden von den Toten, damit sterbliche Sünder zum ewigen Leben wiedergeboren werden! Die Ärztin und Mystikerin Adrienne von Speyr (1902-1967) sagt: „Die große Liebe aber, mit der Gott uns geliebt hat, ist keine andere als die, mit der der Vater seinen Sohn von jeher geliebt hat. Und wegen der Liebe, die ihn mit dem Sohn eint, kann er uns nicht im Tod lassen. Würde der Vater seine Geschöpfe endgültig im Tod belassen, so könnte er sie nicht mehr lieben. So muss der Vater, um der Liebe willen, die er zum Sohn hat, die Menschen einbeziehen in diese Liebe; er muss sie mit dem Sohn zu-sammen mitlebendig machen.“

Der Mensch wird von Gott nicht geliebt, weil er liebenswürdig ist, sondern er wird liebenswürdig dadurch, dass Gott ihn liebt.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.

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