Jan-Christoph Horn behauptet: „Das Schaf entscheidet“

Auslegung der Lesungen vom 4. Ostersonntag (A)

Das Bildwort vom Hirt und den Schafen im heutigen Sonntags-Evangelium wird gern benutzt für die Begründung bestimmter Strukturen und Rollen, besser gesagt: eines Abhängigkeitsverhältnisses. Aber davon spricht Jesus gar nicht.

Auf einen Kernsatz meiner Glaubensüberzeugung möchte ich Ihr Augenmerk lenken. Er steht im Evangelium dieses Sonntags. Manchmal hört man mich nämlich in Gesprächen sagen: „Johannes Zehn Zehn!“ Mit Ausrufezeichen in der Stimme. Weil diese Ich-Aussage Jesu einfach etwas Zentrales unseres Glaubens auf den Punkt bringt. Oft wissen wir das, aber manchmal auch zu wenig. Es geht um diesen Satz: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Jesus spricht im heutigen Evangelium vom Vertrauen zu ihm und von der Entscheidung, ihm zu folgen. Die Pointe: Es reicht nicht, seine Person, seine Botschaft, sein Wirken toll oder beeindruckend zu finden. Es ist eine existenzielle Ganzentscheidung. Aber schauen wir uns das einmal in Ruhe an.

Es geht nicht um den Hirten

Das Evangelium zum Hören.

Das Bildwort vom Hirt und den Schafen wird immer wieder gern benutzt für die Begründung bestimmter Strukturen und Rollen, besser gesagt: eines Abhängigkeitsverhältnisses. Aber davon spricht Jesus hier gar nicht. Es geht nicht um den Hirten. Es geht um das Schaf. Es geht darum, wem die Schafe öffnen, wem sie vertrauen, wem sie folgen. Jesus sagt dazu: „Ich bin die Tür.“ Also die Bedingung der Möglichkeit zwischen rein und raus, folgen oder bleiben, „Rettung“ und „Vernichtung“, um den Text zu zitieren.

Und Jesus sagt mit der ganzen Kompetenz seiner Sendung: Wer sich auf mich hin ausrichtet, wird Leben in Fülle haben. Jesus stellt sich zur Verfügung, er bietet den Raum und die Orientierung. Die Entscheidung freilich liegt beim Schaf.

Das Leben ist mehr als ein geträllertes Halleluja

Ich finde diese Zuspitzung der Osterbotschaft wichtig. Zu einfach scheint mir der Trost einer zukünftigen himmlischen Herrlichkeit, die Seelenkur, das leichte Sein durch ein geträllertes „Halleluja“. Ich kenne das Leben anders. In Freundschaften und Partnerschaft, in Familie und Beruf, auch im Kontakt zu mir selber. Es ist nicht einfach, und auch nach Ostern ist die Sehnsucht nach Leben in Fülle ja nicht erledigt.

Und da höre ich Jesus zu mir sagen: Nicht ich muss etwas tun. Du musst etwas tun. Denn das Heil, die Fülle ist gewirkt – aber nimmst du es an? Verlass dich ganz auf mich. Mehr noch: Lasse dich mir ganz. Ostern heißt, vom heutigen Evangelium her gedeutet, dann nicht nur Rettung, sondern Hingabe.

Hingabe, die nicht zerstört

Die Rede von der Hingabe wird in unseren aufgeklärt-kirchlichen Kontexten oft mit Skepsis gesehen. Doch nur das Zerrbild der Hingabe besteht in dem, was der Bibeltext „Schlachten“ nennt, das ist das, was der Dieb und Räuber tut. Vom Verhältnis zwischen Hirt und Schaf wird dagegen in einer vertrauensvollen und beziehungsreichen Sprache gesprochen: Die Schafe kennen die Stimme des Hirten, der Hirt kennt die Namen der Schafe, er geht voraus, er führt. Das ist die Hingabe an Jesus: Sie fordert mich heraus, aber sie zerstört mich nicht.

Es ist aus meiner Sicht wichtig, die Osterbotschaft nicht nur als schöne Geschichte, sondern als Impuls zu lesen, unsere Identität als Mensch und als Christ von Christus her zu verstehen. Deswegen heißen wir ja so, „Christen“. Und wenn es uns dabei wie den Jüngern geht, die den Sinn des Gleichnisses nicht gleich verstehen, macht das nichts. Die Osterzeit ist lang genug, um zumindest ein wenig mehr davon zu verstehen. Denn man muss nicht schlau sein, bestimmte Kompetenzen mitbringen oder ein weiteres Ehrenamt auf sich nehmen. Man muss nur auf die Türen achten und schauen, wer eintritt, auf die Stimmen hören und unterscheiden, wo der gute Hirte spricht.

3000 neue Gläubige!

Der Autor
Jan-Christoph Horn ist Pastoralreferent in St. Mauritz Münster und Mitarbeiter der Fachstelle Pastoralberatung im Bischöflichen Generalvikariat MünsteJan-Christoph Horn ist Pastoralreferent in St. Mauritz Münster und Mitarbeiter der Fachstelle Pastoralberatung im Bischöflichen Generalvikariat Münster. | Foto: Privat

Wie so oft umspielen die anderen Schrifttexte das Evangelium und reichern es an.
Petrus verkündet in Jerusalem den auferstandenen Jesus. Er wirbt dafür, sich dieser Botschaft anzuschließen. „Gewissheit“ und „Verheißung“ sind dabei starke Wörter in Richtung der Zuhörer. Und die Bibel erzählt, dass er seine Zuhörer erreicht hat: 3000 neue Gläubige! Mir ist es deshalb den Hinweis wert, dass wir in unserer Verkündigung vielleicht auch weniger vom „Schlachten“ reden sollten, sondern mehr von unserer Erfahrung mit Jesus berichten sollten.

Mit dem ersten Petrusbrief machen wir einen Sprung in die Frühgeschichte der Kirche. Die erste Begeisterung ist vorbei, das Leben in Fülle zeigt sich auch in seiner Zerbrechlichkeit: Obwohl man „recht handelt“, muss man „Leiden erdulden“, was eine „Gnade“ ist. Im ersten Moment klingt das wie ein Euphemismus. Im zweiten Moment auch. Aber ich weiß, dass der Satz „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ ernsthaft Leidenden schon ein Trost gewesen ist.

Vielleicht ist das ja die Tür, durch die ich in dieser Osterzeit zu gehen gerufen bin: Mal aufhören, die Dinge zu bereden, sondern auf die Gegenwart des Hirten zu vertrauen. Erwischt? Wie gut!

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 4. Ostersonntag (Lesejahr A) finden Sie hier.