Pfarrer Stefan Jürgens über heilige Nörgler und Miesmacher

Auslegung der Lesungen vom 4. Sonntag im Jahreskreis (B)

Was ist eigentlich ein Prophet? Für manchen ist ein Prophet vielleicht so eine Art Hellseher, der die Zukunft voraussagt. Einer, der weiß, was morgen oder nächstes Jahr sein wird. Andere sehen im Propheten einen gelehrten alten Mann, der allerlei Weisheiten aufschreibt über Gott und die Welt. Aber nichts von alledem ist wahr.

Die Propheten sind keine Hellseher und keine frommen Gedichteschreiber. Sie sind keine Wahrsager, aber sie sagen die Wahrheit. Und das macht sie unbeliebt. Denn in Wirklichkeit sind sie die Miesmacher der Nation, Unruhestifter und penetrante Nörgler, Salzstreuer auf die Wunden der Mächtigen und Reichen. Es sind Leute, die genau hinschauen, was Sache ist, und die Dinge beim Namen nennen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und ohne Respekt vor der Obrigkeit.

Volk gegen Mächtige

Das Evangelium vom 4. Sonntag im Jahreskreis (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

In der ersten Lesung hören wir von Mose. Er bezeichnet sich selbst als Prophet. Er hatte etwas erfahren von Gott, von seinem Willen zur Freiheit. Und so hatte er das Volk mobilisiert gegen die Mächtigen von damals. Das Volk Israel hatte mit Mose mobilgemacht: gegen den Pharao und die Sklaverei. Sie lernten den Herrn kennen, den Gott der Freiheit. Dieser Gott blieb seinem Volk auf den Fersen, wohin es auch ging. Und damit die Freiheit gewahrt blieb, hatten sie am Sinai einen Bund geschlossen. Nun standen sie kurz vor dem Ziel. Bald sollte es ins Gelobte Land gehen.

Das Buch Deuteronomium ist die Abschiedsrede des Mose. Er hatte das Volk bis hierher geführt. Aber ins Gelobte Land durfte er selbst nicht einziehen. Deshalb verheißt er: „Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte ... erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören.“

Auch Jesus war Prophet. Er hatte etwas erfahren von Gott, wusste sich gesandt und wollte die Menschen zur Freiheit führen. Davon spricht das Evangelium: Jesus lehrt mit göttlicher Vollmacht, anders als die Schriftgelehrten von damals. Denn die hatten nur Gesetze und Regeln im Sinn. Die Schriftgelehrten fragten andauernd: Darf man das? Dieser Kleinkram war Jesus fremd. Er fragte: Was will Gott heute von uns? Was entspricht seiner unendlichen Liebe? Deshalb sagten die Leute: „Er lehrt mit göttlicher Vollmacht, und nicht wie die Schriftgelehrten.“

Ein Störenfried durch und durch

Jesus war Prophet. Und wie alle Propheten war auch er ein Störenfried durch und durch, ein Gesellschafts- und Sozialkritiker. Die Wahrheit war ihm wichtiger als die Konvention oder der gute Ruf. Faule Kompromisse waren ihm zuwider. Schon am Anfang seines Weges wollte man ihn nicht hören: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“, hat er da gesagt. Und am Ende erleidet er das typische Prophetenschicksal: „Ein Prophet darf nirgendwo anders umkommen als in Jerusalem.“

Der Autor
Stefan JürgensStefan Jürgens ist Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster. | Foto: Markus Nolte

Auch der Apostel Paulus hatte etwas Prophetisches. Man kann die zweite Lesung nicht unkommentiert lassen: „Der Unverheiratete sorgt sich um den Herrn, der Verheiratete sorgt sich um die Welt.“ Deshalb sei es besser, nicht zu heiraten.

Paulus hatte nichts gegen die Ehe, er wollte die menschliche Liebe nicht abwerten. Aber er dachte: Christus kommt sehr bald wieder, um die Welt zu vollenden. Deshalb sei es das Beste, sich nur noch auf Christus zu konzentrieren und alles andere zu relativieren. Man kann aus seinen Worten also nicht ableiten, dass wir jetzt alle im Zölibat leben sollen. Das wäre totaler Unsinn – und für die Menschheit auch wenig nachhaltig. Paulus will sagen: Richten wir unser Leben auf Christus aus. Leben wir eine prophetische Existenz im Blick auf die große Zukunft der Welt!

Auch wir sind Propheten

Als Getaufte und Gefirmte sind auch wir Propheten. Wir dürfen den Glauben leben und verkünden, sollen hinschauen, wo etwas schiefläuft, nach neuen Antworten suchen und die Welt wenigstens ein wenig verändern.

Propheten haben nicht immer große Namen. Oft sind es Menschen, die wir nicht ganz für voll nehmen, weil sie anders sind, als man eben so ist. Es können Theologen sein, Umweltschützer oder verantwortungsvolle Wissenschaftler. Manchmal ist es der Ehepartner oder die eigenen Kinder. Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie stören unsere Gewohnheiten, bringen uns zum Nachdenken, stellen uns in Frage. Sie sagen und leben die Wahrheit, konsequent und glaubwürdig.

Und irgendwann, wenn wir Unrecht spüren, wenn wir sagen: „So geht's nicht weiter, einer muss den Mund aufmachen“ – dann werden wir vielleicht selber zu Propheten und Prophetinnen des lebendigen Gottes. Wenn es noch etwas gibt, worüber wir uns so richtig aufregen können; etwas, das uns unter die Haut geht, dann sind wir auf dem besten Wege dahin, Propheten zu werden.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.