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Pater Ralph Greis: Jesus hält uns den Spiegel vor

Auslegung der Lesungen vom 4. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C

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Sind berühmte Söhne und Töchter nicht immer Aushängeschilder für eine Stadt? Das ist so lange der Fall, bis diese Person unbequem wird. Pater Ralph Greis nennt Jesus und Jeremia als Beispiele und hält uns in der Auslegung der Lesungen dieses Sonntags den Spiegel vor.

Welche Stadt ist nicht stolz auf ihre berühmten Töchter und Söhne? Kein Wikipedia-Artikel, der sie nicht auflisten würde. Sie sind wirksame Werbeträger nach außen und stärken nach innen das Selbstwertgefühl ihrer Mitbürger: „Das ist doch einer von uns!“ Wenn der Mensch sich aber ein kritisches Wort an die eigenen Dorf­genossen erlaubt, hört es auf. Wir lassen uns nur ungern etwas sagen, schon gar nicht von Menschen, die wir kennen. „Was nimmst du dir eigentlich heraus? Meinst du, du seist etwas Besseres? Wir wissen doch, aus welchem Stall du bist!“

Die Szene in der Synagoge von Nazareth ist ebenso bildkräftig-konkret wie zeitlos. Na gut, er hat schon einige Kranke gesund gemacht, und da war doch was mit 600 Litern Wein bei der Hochzeit im Nachbardorf Kana. Wahrscheinlich haben die Menschen leicht verstört in die Ecke geschaut, bis endlich der Erste aufsprang: „Das geht jetzt aber zu weit!“ – „Ja, genau!“ In der Folge zieht Jesus fort, hinunter an den See Gennesaret, nach Kafarnaum.

Nestbeschmutzer sucht Konfrontation

Die Lesungen vom 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Gut 600 Jahre früher ergeht es dem Propheten Jeremia ähnlich. Er gilt seinen Zeitgenossen nicht nur als Nest­beschmutzer, sondern gar als Ursache des Unheils, das er ihnen ansagen muss, das aber die Folge ihres eigenen Fehlverhaltens ist. Die Menschen verstehen sein Reden nicht als das Wort Gottes, sondern als Schwarzseherei im Kampf gegen die Babylonier. 

Die Aussicht auf Konfrontation mit den eigenen Leuten gehört schon zu seiner Berufung: „Erschrick nicht vor ihnen … mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen.“ Jeremia leidet darunter. Er beklagt es, aber er entzieht sich nicht. Franz Werfel hat ihm in seinem biografischen Roman „Höret die Stimme“ ein einfühlsames Denkmal gesetzt.

Wer darf uns etwas sagen?

Zur Zeit Jesu ist Jeremia zu einer fraglosen Autorität geworden, inzwischen steht er in der Bibel. Noch länger schon haben Elija und Elischa dort ihren Platz gefunden. Dass sich Jesus auf diese beiden beruft, um seine eigene Sendung zu deuten und um seinen Mit-Nazarenern den Spiegel vorzuhalten, das ist ihnen zu viel.

Wagen wir doch einmal den gleichen Schritt auf unsere eigene Zeit hin: Wer dürfte uns, die wir doch Christen und Kirche sind, ein kritisch-prophetisches Wort sagen und sich dabei auf Jesus berufen? Haben wir diesen charismatischen orientalischen Wanderprediger nicht allzu gut in unser „christliches Abendland“ integriert und domestiziert, und selbst dem Sohn Gottes noch dogmatisch zuverlässig seinen Platz angewiesen, wer er ist und was er tun soll? Wir wissen doch nicht nur, wo er herkommt, sondern auch, wo er hingehört. Was aber, wenn der Herr selbst in unsere Mitte träte? Wenn er tatsächlich durch einen Mitmenschen spricht, der doch auch Glied des Leibes Christi ist?

Nach innen schauen


Ralph Greis ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: privat

In der Altstadt von Nazareth gibt es eine kleine, kaum bekannte griechisch-katholische Kirche, eigentlich nur ein Gewölbe im Untergeschoss eines unscheinbaren Hauses, die als „Synagogenkirche“ die Ortstradition des heutigen Evangeliums bewahrt. Es ist ein stiller Ort, an den sich nur wenige Pilger verlaufen, ganz ohne den Zorn von damals.

Drei Kilometer südlich davon kennt die Tradition den „Berg des Absturzes“, von dem der Mob, in den Jesu Heimatgemeinde sich verwandelt hat, ihn hinabstürzen will. Für eine Affekthandlung ist der Fußweg etwas weit, aber der südliche Abhang wäre steil genug. Die wunderbare Aussicht von dort über die Jesre’el-Ebene, den Berg Tabor zur Linken, lenkt den Blick in die Weite. Geistlich scheint es mir wichtiger, nach innen zu schauen. Der Mob von damals sind auch heute nicht die „Anderen“.

Anspruch an uns selbst

Eine Kirche gibt es dort zwar nicht, aber für eine Messe mit Papst Benedikt XVI. und 40.000 Menschen hat man 2009 eine Art Theater in den Berg geschnitten. Besteht da nicht die Gefahr, noch das Querstehende der Person und Botschaft Jesu mitsamt dem Mordversuch als „heilige Stätte“ in ein biblisches Museum zu stecken – und so letztlich den Anspruch an uns selber loszuwerden?

Das Wort des Paulus von der Liebe, die allem standhält, mag uns helfen, auch wenn es durch allzu viele Brautmessen verschlissen scheint. Jeremias Prophetie war getragen und erlitten durch seine unausweichliche Liebe zu Gott und zu seinem Volk. Jesu Liebe zu uns Menschen bringt ihn ans Kreuz. Hören wir gut hin, durch wen der Herr zu uns spricht. Und schauen wir, wo wir selber stehen und was wir tun.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.

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