Ulrich Hagemann darüber, was im Leben wirklich zählt

Auslegung der Lesungen vom 5. Fastensonntag (B)

Im Evangelium dieses Sonntags hören wir einen Dialog Jesu mit sich selbst. Es geht um die großen Fragen: Was ist der Sinn, warum leben wir, was bedeutet mein Leben? Ulrich Hagemann, Pastoralreferent in Warendorf, legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein; der eine lebt vom andern, für sich kann keiner sein.“ Wann immer mir dieses Lied begegnet, muss ich an meinen Heimatpfarrer aus Kindheitstagen denken und daran, mit wie viel Inbrunst er dieses Lied vorgesungen hat. Diese Erinnerung hat sich mir nachhaltig eingeprägt. Ein Weizenkorn – für die Menschen zur Zeit Jesu ein anschauliches Bild aus ihrer Lebenswelt der Landwirtschaft und des Ackerbaus.

Das Evangelium vom 5. Fastensonntag (Lesejahr B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Im Evangelium dieses Sonntags hören wir einen Dialog Jesu mit sich selbst. Es geht um die großen Fragen: Was ist der Sinn, warum leben wir, was bedeutet mein Leben? „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird“: Es sind die letzten Worte, die Jesus im Johannes-Evangelium vor der Öffentlichkeit spricht. Es wird dramatisch für ihn, seine Lage wird kritisch. Die letzte Entscheidung bahnt sich an. Mehrfach ist „die Stunde“ im Johannes-Evangelium noch nicht gekommen, nun aber ist es soweit.

Für die Theologie der Johannes-Gemeinde ein Zentralbegriff, der Tod und Erhöhung Jesu beschreibt. Sein Tod wird von den Menschen als Scheitern gesehen. Er selbst betrachtet ihn jedoch als heilsvoll. Dabei gebraucht er die Bilder vom Weizenkorn und von der Erhöhung und Verherrlichung durch Gott. Jesus redet nicht um den heißen Brei herum: Wenn sein Leben Erfolg haben soll, dann muss er sterben. Er sagt das sehr bestimmt: Das Weizenkorn kann nur Frucht bringen, wenn es zuerst stirbt.

Immer nur schaffen und raffen?

Mit diesem Weizenkorn meint Jesus zuerst sich selbst. Er ist in die Welt gekommen, nicht um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben für alle. Wie das Weizenkorn wird er als Toter in die Erde gesenkt. Dadurch wird unser Tod besiegt und es entsteht neues Leben für alle.

Der Autor
Ulrich HagemannUlrich Hagemann ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Laurentius in Warendorf. | Foto: privat

Außer dem letzten Sterben am Ende des Lebens gibt es ja bereits ein Sterben im Leben. Wie können wir Menschen zum wahren Leben kommen? Die Antwort klingt erst einmal widersinnig: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ Erfülltes Leben findet man nicht im Schaffen und Raffen. Wenn ich aber mein Leben nicht als letzten, unbedingt festzuhaltenden Wert betrachte, gewinne ich es.

Die Frage gilt uns allen: Was verstehen wir unter dem wirklichen Leben? Was ist es, was für mich zählt? Woran hänge ich? Wo liegt mein Glück? Natürlich dürfen wir unser Leben genießen, wir sollen sogar das Beste aus uns herausholen. Aber dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Ursprung und Ziel des Lebens außerhalb liegen.

Wettlauf um die ersten Plätze

Wer sein irdisches Leben mit all den Eitelkeiten und Konkurrenzkämpfen nur als Wettlauf um die ersten Plätze auf dem Podium sieht und darin allein aufgeht, der vergisst etwas Wesentliches: Nach dem Tod haben diese Dinge keinen Wert mehr. Wenn wir Ja sagen können zu unserer Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott, dann verändert das einiges.
Es geht sicher nicht darum, das irdische Leben geringzuschätzen und voller Sehnsucht den eigenen Tod zu erwarten, sondern sein Leben als Geschenk zu empfinden und in Beziehung zu stehen zum Schöpfer, der die Liebe ist. „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach.“

Das Bild vom Weizenkorn zeigt uns, dass der Tod nicht das Aus bedeutet. Das Leben lebt aus dem Sich-Verschenken. Das Weizenkorn stirbt, aber erst dieses Sterben ermöglicht die Frucht. Das ist das Lebensgesetz Jesu. Alle, die in seiner Nachfolge diesen Weg der Hingabe mitgehen, haben Anteil daran – weil er selbst eben dieses Weizenkorn ist, das sterben muss, um nicht allein zu bleiben. Seine Hingabe wurde unglaublich fruchtbar. Bis heute zieht sie an und bewegt viele Menschen, seinen Spuren zu folgen. In unserem Bistum, in unserem Land und auf der ganzen Welt.

Näher geht nicht

Durch die Hingabe Jesu wird der neue Bund, den Jeremia in der ersten Lesung ankündigt, geschlossen. Der Mensch kann den Bund mit Gott nicht von sich aus einhalten. Der Prophet hat darum die Hoffnung, dass Gott selbst sein Gesetz in sein Volk hineinlegt und es auf ihr Herz schreibt. Er wird ihr Gott sein, und sie werden sein Volk sein.

Der Hebräerbrief in der zweiten Lesung macht deutlich: In Jesus Christus ist Gott uns Menschen so nahe gekommen, wie es näher nicht geht. Keine unserer menschlichen Regungen ist ihm fremd. Durch seinen Tod und sein Auferstehen ist er „für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden«. Das Lied vom Weizenkorn endet mit „Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben.“ Ja, es ist ein Geheimnis, das Geheimnis unseres Glaubens.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Fastensonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.