Bastian Rütten aus Kevelaer fordert: Keine Macht den Steinwerfern!

Auslegung der Lesungen vom 5. Fastensonntag (C)

Im Evangelium dieses Sonntags macht Jesus etwas Merkwürdiges: Die Pharisäer provozieren ihn - und er zeichnet mit dem Finger in den Sand. Was das bedeutet, erklärt Bastian Rütten, Theologischer Referent in Kevelaer.

Wie „gerne“ mag ich Leute, die augenscheinlich ihrem Gegenüber nicht zuhören. Ich merke dann langsam, wie ich ungeduldig werde. Es brodelt in mir. Irgendwann beginne ich sprichwörtlich zu kochen, und dann ist das Fass irgendwann voll, und es platzt aus mir heraus.

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation, in der ich eine für mich wichtige Botschaft transportieren wollte. Mein Gegenüber war aber währenddessen damit beschäftigt, den Nachrichtenverlauf auf dem Smartphone zu verfolgen. Nach einigen Minuten platzte es aus mir heraus: „Soll ich lieber mit der Wand reden? Oder hörst du mir zu?“ Sie kennen vielleicht solche Situationen selber nur zu gut.Noch schlimmer wird es, wenn das Gefühl wächst, man bekommt zum Beispiel bei einem Amt, beim Arzt oder in einer Klinik kein Gehör.

Ist Jesus gelangweilt?

Die Lesungen des 5. Fastensonntags (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Keine Frage: Aktives Zuhören hat mit Wertschätzung zu tun. Was ist das denn im Evangelium für eine Situation? Was ist das für ein Bild, das Jesus da von sich abgibt? Während die Gesetzeslehrer ihre Aufwartung machen, ihm sogar einen „leibhaftigen Fall“ mitgebracht haben, wendet er sich nach einer kurzen Unterredung ab. Er kniet sich hin und fängt an, scheinbar gelangweilt, im Sand herum zu kritzeln.

Ist Jesus jetzt gar nicht so ein Menschen-Versteher, wie man es ihm nachsagt? So werden vielleicht auch die Gesetzeslehrer gedacht haben. Sie hatten zumindest eine hieb- und stichfeste Antwort erwartet.

Ich glaube sehr wohl: Jesus zeigt sich gerade hier als ein Versteher des Menschen. Er lehrt die ach-so-gescheiten Gesetzeslehrer eine andere Kunst zu lehren. Durch dieses Exempel soll zuallererst klar werden, worum es in seiner Lehre vom Reich Gottes geht. Es soll aber auch klar werden, worum es eben nicht geht. Es geht nicht um Schulmeistereien der Besserwisserei. Am Ende davon stünde, dass sich kleine Menschen eben noch kleiner fühlen.

„Ich traue dir etwas zu”

In den meisten Fällen ändert eine solche Herangehensweise nichts. Wir kennen das vielleicht vom Verhalten der Kinder. Sie werden bockig, und am Ende kommt man nicht weiter; es ist keinem geholfen. Beim Fall der Ehebrecherin ist doch, so glaube ich, allen klar: Hier ist etwas im Leben dieser Frau schiefgelaufen. Das wissen die Gesetzeslehrer, das weiß Jesus, und nicht zuletzt weiß es die Frau selber.

Der Autor
Bastian RüttenBastian Rütten ist
Theologischer Referent
im Wallfahrtsort Kevelaer

Jesus selber ist aber daran gelegen, dass etwas vom Reich Gottes spürbar hier und jetzt anbricht. Dazu gehört sicher ein gewisses Maß an Schuldbekenntnis und Reue. Klar! Aber dazu gehört auch, diese Frau zurück in den Alltag zu bringen und sie gewissermaßen wieder lebensfähig zu machen. Ein gutes Wort, dass einem selber Mut macht, richtet auf. Das kennen wir. Ein gutes Wort, das mir zeigt: „Ich traue dir etwas zu!“, spornt an und setzt neue Energie frei.

So gesehen und verstanden ist der Sinn der österlichen Bußzeit, der Fastenzeit, dass sie eben keine Zeit des Weniger, sondern des Mehr ist. Ein solches Verständnis macht die Fehler und Fehltritte nicht ungeschehen. Nichts davon verschwindet. Indem Jesus aber andere Prioritäten setzt, wird mehr Leben möglich, mehr Achtsamkeit, mehr Bewusstsein für seine eigenen „Sollbruchstellen“ und Macken.

Einfache Lösungen in Politik und Kirche

Für unsere Gesellschaft kann es bedeuten, dass wir das eine oder andere Mal ein Plädoyer gegen das Steinewerfen in unserer Kultur des Miteinanders wagen. Wer diese Steine werfen will, der will einfache und schnelle Lösungen.

Wir erleben das in der Politik, in der Kirche und in vielen privaten Kontexten nur all zu oft. Unsere menschliche Erfahrung, aber auch die komplexen Strukturen, in denen wir leben, zeigen aber: Einfache Lösungen gibt es nicht. Was es aber geben muss: eine Kultur, die sich am Menschen und dessen Wohl orientiert. Was es geben muss: die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen. Was es geben muss: ein Leben in Fülle für jeden!

Eine Lektion für uns

Jesus interessiert sich also durchaus für die Frau. Er malt lustlos im Sand, weil ihn die Dinge nicht interessieren, die nicht weiterführen. Vielleicht eine Lektion für uns: Lasst uns auf die wirklichen Herausforderungen hören und schauen und sie auch angehen. Und: Lasst uns versuchen, in vielen emotionalen Diskussionen auf (verbale) Abrüstung zu setzen.

Keine Macht den Steinewerfern! Alle Macht der Liebe!

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Fastensonntag (Lesejahr C) finden Sie hier.