Pater Christian Brüning über eine felsenfeste Verbindung

Auslegung der Lesungen vom 5. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A)

„Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?“ Schwierige Sätze prägen das Evangelium dieses Sonntags. Pater Christian Brüning aus der Abtei Gerleve versucht sie in seiner Auslegung zu ergründen.

Die Lesungen dieses Sonntags sind durch das Stichwort „Logos” (= Wort) verbunden. In der ersten Lesung begegnen die Sätze: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen.“ Und: „Das Wort Gottes breitete sich aus.“ In der zweiten Lesung ist von denen die Rede, die „dem Wort nicht gehorchen“. Im Evangelium heißt es schließlich: „Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst.“

In der ersten Lesung geht es um die Verkündigung des Wortes und darum, dass sie möglichst ungehindert geschehen kann. Es ist von der Arbeitsteilung der Jünger die Rede, bei der den Verkündern des Wortes Tischdiener zu Seite gestellt werden.

Lebendiger Eckstein

Die Lesungen vom 5. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Die zweite Lesung füllt das Wort mit einem auf Christus und einem auf die Kirche bezogenen Inhalt. Auf Christus bezogen: Christus ist der lebendige Eckstein. Auf die Kirche bezogen: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde.“ Die Lesung stellt darüber hinaus klar, dass die Verkündigung dieses Wortes Aufgabe der Glaubenden ist: „damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“.

Im Evangelium wird das Stichwort endlich in drei Themenkreisen entfaltet. Der erste blickt auf das Ende der Zeiten: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. … Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen.“ Der zweite Themenkreis kreist um Christus. In einem „Ich-bin-Wort” sagt Jesus über sich selbst aus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Der dritte Themenkreis ist ein im strengen Sinn theologischer. Es trifft eine Aussage über das Wesen des Vaters und seine Beziehung zum Sohn: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist.“

Was "Amen" heißt

Pater Christian Brüning OSB
Pater Christian Brüning OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: Abtei Gerleve

Innerhalb des Evangeliums kommt dem Wort „Glauben” eine zentrale Bedeutung zu. Bereits im ersten Vers heißt es: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Mit diesem Vers beginnt die Abschiedsrede Jesu. In der Mitte des Evangeliumabschnitts heißt es an Philippus adressiert: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?“ Dann aufs Neue: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ Und am Ende der Perikope: „Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt …“ Das ist ein Wortspiel: Dreimal wird hier die Wortwurzel „Amn” gebraucht. Das Wort Amen leitet sich von dem hebräischen Wort für Glauben ab. Seine Grundbedeutung ist: fest sein, sich fest machen an. So wie es am Anfang der Perikope heißt: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Das biblische Wort ist dabei immer auf einen Anknüpfpunkt bezogen; hier im Evangelium auf Gott, den Vater, beziehungsweise auf Christus. Nicht das Glauben von etwas, das „Für-wahrhalten” von Wahrheiten, steht im Zentrum des biblischen Begriffs, sondern der Glauben an jemanden.

Dieses Verbundensein mit Christus, dieses „Sich-fest-machen” an ihm, ist im Tympanon der Kapelle vom Schloss Tirol plastisch dargestellt (1170, Foto oben). Es zeigt die Kreuzabnahme, wie Josef aus Arimathäa den Leichnam des Gekreuzigten vom Kreuz abnimmt. Allerdings hat sich der Künstler die Freiheit herausgenommen, die bekannte und erwartete Szene anders darzustellen. Zu sehen ist, wie sich Josef aus Arimathäa an den Leib des Gekreuzigten anschmiegt. Seine Arme umfangen seinen Leib. Die Hände sind übergroß dargestellt. Die Finger graben sich tief in die Haut Christi ein, sodass sie tiefe Spuren hinterlassen.

An Jesus festgekrallt

Die Gestalt des Josef ist dabei in einem so schiefen Winkel an den Leib Christi gelehnt, dass er die Last des Gekreuzigten nicht würde halten können. Vielmehr lehnt er sich so an ihn an und „krallt“ sich an ihm fest, dass er an ihm und in ihm Halt findet. Er macht sich fest an dem Gekreuzigten. Sein Gesicht ist dabei übrigens nicht Christus zugewandt. Er schaut weg, er schaut in die Ferne. Und sein Gesicht strahlt etwas von dem Glanz aus, den er von dem Geborgensein in Christus empfängt.

Das „Sich-fest-machen” in Christus begründet sich nicht aus sich selbst. Es ist vielmehr die Basis für ein Wirken aus ihm. So heißt es am Ende des Evangeliumabschnitts: „Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“

 

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) finden Sie hier.