Benediktinerpater Elmar Salmann über Salz, Chemie und Ausstrahlung

Auslegung der Lesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis (A)

»Ihr seid das Salz der Welt«, sagt das Evangelium dieses Sonntags.
»Ihr seid das Salz der Welt«, sagt das Evangelium dieses Sonntags.Foto: Shutterstock

Wie kommt es, dass wir mit dem einen gut können, mit dem anderen aber nicht? Irgendetwas ist da, dass über die »Chemie« zwischen Menschen entscheidet. Das ist im Glauben ganz ähnlich. Und wenn man dieses Etwas ahnt, gehen neue Welten auf.

Es ist etwas Seltsames, Geheimnisvolles um die Gegenwart und Ausstrahlung eines Menschen, wen er wie anzieht oder abstößt, was er mit seinen Worten, Blicken, Handlungen, in ihnen und über sie hinaus dar- und vorstellt, verheißt oder verhindert, was für eine Art von Kontakt mit den verschiedenen Zeitgenossen entsteht.

Rätselvolle religiöse Aura

Für wen sind wir gemacht, funktional, privat, beruflich, religiös? Wie weit kann man das Feld der Beziehungen abstecken? Warum können wir es mit einigen, mit anderen gar nicht? Wir sprechen da von »Chemie«, Wahlverwandtschaft, Fremdheit, Sym- und Antipathie, Instinkt, fruchtbarer Zusammenarbeit.

Noch rätselvoller gestaltet sich die religiöse Aura, ob und wie ein Mensch etwas an Hoffnung, Liebe, Zuversicht, Gottverbundenheit ausstrahlt, was man ihm da anmerkt, was er mitbringt, wenn er in ein Zimmer kommt, eine Schulklasse, eine Gruppe, zu Sitzungen, Kursen, Kranken, Flüchtlingen, in Häuser, bei Begegnungen auf der Straße. Was wird da Thema, was »überträgt« sich in den flüchtigen oder auch dichteren Momenten?

Zuwendung ist nicht einfach

Wir spüren alle, dass da ein Etwas ist, das wir nie zu fassen bekommen, ein Charme, eine Gnade, eine Sperre, ein Filter, etwas Ansteckendes, Erhellendes, Verdunkelndes. Religion, Tiefenpsychologie und Soziologie kreisen um diese Weisen des Entstehens und Vergehens solcher Übertragungen zwischen Menschen, Kulturen, Sprechweisen, Projektionen.

Das Evangelium vom 5. Sonntags im Jahreskreis (A) zum Hören.

Die Texte dieses Sonntags beginnen – mit der Lesung aus dem Propheten Jesaja – ganz handfest. Da geht es um die elementaren Werke der Zuwendung, Aufmerksamkeit, Hilfe unter Menschen, um die Sorge für die Bedürftigen, für das Haus und die Familie Gottes. Das klingt ganz einfach, ist es aber nicht. Denn da treffen wir auf die Zwiespältigkeit des menschlichen Wesens. Einerseits ist er geneigt, Gutes zu tun, Hilfe zu leisten, beizustehen, anderseits meidet er die Fremdheit, Armut, das Rätsel der anderen Lebenswelten wie die Pest: Wieviel an inneren und äußeren Widerständen sind da zu überwinden!

Gott als Respekt

Deshalb bittet das Tagesgebet schon am Anfang um die Zuwendung, die »pietas« des himmlischen Hausvaters: »Deine Familie, so bitten wir dich, Herr, schütze in verlässlicher Treue, damit sie in deiner Obhut geborgen sei.« Gott als Erbarmen, Frömmigkeit, Geneigtheit, Respekt, Garant der Ordnung, damit auch wir so leben können.

Der Autor
P. Elmar SalmannP. Elmar Salmann ist Benediktiner der Abtei Gerleve. Er war lange Zeit Theologie- und Philosophieprofessor in Rom; heute lebt er in seiner Heimatabtei. | Foto: P. Bartholomäus Denz

Und dann geschieht in den kleinen Gesten der Aufmerksamkeit mehr als erwartet. Es geht ein Licht auf, eine Wärme, es überträgt sich etwas von dieser Hut und Huld des Lebens, deren Ursprung, Garant und Vollendung Gott selbst ist; wie die Morgenröte oder ein Licht im Dunkel bricht sich etwas Bahn, das in allen Menschen, wenn auch verschüttet, als Hoffnung und Ahnung lebendig ist.

Dieses Licht sollen wir nicht verbergen, die uns anvertrauten Talente, die kleinen, manchmal geringen Gaben der Menschlichkeit, Intelligenz, Einfühlung, Tatkraft, sondern wirken lassen, damit die Wirklichkeit lebbar, liebenswerter wird. So das erste Bild im Evangelien-Text, mit einer überraschenden Pointe: Wer so handelt, tut dies nicht, um Lob einzuheimsen, sondern damit die Menschen auf die Spur Gottes kommen.

Haltbarkeit und Geschmack

Geheimnis der Ausstrahlung: Sie spricht nicht nur von den Gaben des handelndes Menschen, sondern eröffnet einen größeren Raum, ermöglicht eine Hoffnung, die die Menschen Ausschau halten lässt nach der Herkunft von Segen und Leben, Liebe und Großzügigkeit. Es wird möglich, auf die Verlässlichkeit dieses Gottes zu bauen.

Eine andere Form der Wirksamkeit wird mit der Metapher des Salzes angesprochen. Sie geht in die Tiefe, fast unsichtbar, gibt allem erst seine Haltbarkeit und seinen Geschmack. Wir schmecken in der Religion etwas von der Weisheit, dem Segen der Dinge, den Zusammenhängen und guten Kreisläufen, die unser Leben unterstützen, am und im Leben halten. Ohne dieses Salz der Weisheit hat nichts Bestand, erscheinen die Welt und unsere Existenz schal, fade, widrig.

Das Christentum ist nicht prächtig und mächtig

Was allem die Würze gibt, bleibt allerdings fast unsichtbar, ist verschwindend gering. Damit berühren wir einen letzten Wesenszug der Ausstrahlung im Leben wie in der Welt des Mysteriums. Das Christentum ist im Kern nicht prächtig und mächtig, sondern geheimes, einladendes Motiv, Ferment, Katalysator. Oft unansehnlich, wie Paulus bei seinem Auftreten in Korinth. Es ist diese scheinbare Schwäche des Nicht-Auftrumpfens, einer schlichten Gegenwart, die vielleicht seine wirkliche Stärke ist. Und es braucht wohl ein langes Leben, einiges an Gebet und biblischer Weisheit, um dies zu erkennen und gar darin einzuwilligen.