Pfarrer Stefan Jürgens über Menschenfangen und Berufung

Auslegung der Lesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis (C)

Menschenfischer sollen die Jünger sein, sagt Jesus. Mit dem Fischen kennen sie sich ja aus, das ist ihr Beruf. Pfarrer Stefan Jürgens aus Münster ist in seiner Auslegung der Sonntagslesungen dennoch irritiert: Gefangene Fische werden schließlich gegessen ...

„Für dein Leben gern“, so lautet der Werbeslogan des Bistums Münster, der eine gemeinsame Identität stiften soll. Diesen sogenannten Claim habe ich zunächst für eine Margarine-Werbung gehalten. Dann jedoch konnte ich „für dein Leben“ mit dem Wort Jesu verbinden: „Ich will, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

Menschen in der Nachfolge Jesu sind dazu berufen, anderen durch Wort und Tat zu bezeugen, dass Gott das Leben will und es in Jesus Christus geschenkt hat. Gott mag uns für sein Leben gern, das hat er in erschütternder Weise gezeigt, als Jesus für uns sein Leben gab. Gott kann uns leiden: So zeigt er eine Liebe, die bis zum Letzten geht.

Liebe bis zum Letzten

Das Evangelium vom 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C, neue Einheitsübersetzung) zum Nachhören finden Sie hier.

Leben – darum geht es auch in den Texten des heutigen Sonntags. Das Lukas-Evangelium berichtet von der Berufung der ersten Jünger. Jesus lehrt die Leute vom Boot aus, gibt den Fischern einen zunächst sinnlos erscheinenden Auftrag und verheißt ihnen dann nach dem reichen Fischfang, dass sie Menschenfischer sein werden.

Menschenfischer? Das klingt für mich zunächst gar nicht gut. Fische werden nämlich gefangen, um gegessen zu werden. Sie sterben qualvoll auf dem Weg zum Hafen, werden ausgenommen, verkauft, gebraten und schließlich verzehrt. Das Bild ist reichlich schief, finde ich. Sollen Menschen etwa gefangen werden wie Fische? Ich möchte nicht gegen meinen Willen gefangen werden, ich möchte nicht umkommen und auf irgendwelchen Tellern landen. Ich will leben!

Einfangen oder lebendig machen?

Beim genaueren Hinsehen jedoch wird mir die Bedeutung klar. Wenn Petrus frische Fische fischt, dann steht da auf Griechisch „lambánein“, das bedeutet „einfangen, gefangen nehmen“. Wenn er aber später Menschen fischen soll, dann steht da ein ganz anderes Wort, nämlich „zoogrein“, das bedeutet „lebendig machen“. Jesus will uns offenbar nicht fangen wie Fische, die letztendlich gebraten werden, sondern er will uns lebendig machen, damit wir ganz und gar „gefangen“ sind von seiner Liebe. Er beruft Menschen, die ihr Leben einsetzen, damit andere das Leben haben!

Zum Lebensdienst berufen wird auch Jesaja, der Prophet. Die erste Lesung ist eine große Vision vom göttlichen Thronsaal, in dem die Engel das dreimalige „Heilig“ singen, das heute fester Bestandteil des eucharistischen Hochgebets ist. Indem Jesaja begreift, dass er selbst ein Sünder ist und zu einem Volk von Sündern gehört, wird ihm Gottes Heiligkeit umso mehr bewusst. Die „glühende Kohle“ ist ein Bild für die Heiligung, Vergebung und Berufung, die einzig und allein von Gott selbst ausgehen kann. Erst danach kann Jesaja selbst seine Berufung bejahen und sich bereitwillig senden lassen.

So geht Berufung

Auch Paulus hat seine Berufung nicht selbst gemacht. Er begreift sich ganz und gar von der Auferstehung Jesu Christi her. Der Abschnitt aus dem Ersten Korintherbrief, der die zweite Lesung darstellt, ist das älteste Schriftzeugnis des Auferstehungsglaubens. Paulus hat nur überliefert, was er selbst empfangen hat. Er gibt den österlichen Glauben also lediglich treu weiter, er nimmt nichts weg und fügt nichts hinzu. Auch seine Berufung hat er ausschließlich empfangen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“; Paulus hat die Gnade angenommen, damit sie in ihm wirksam werden konnte. Das neue Leben, das er verkündet, und der Lebensdienst, in dem er steht, sind Geschenke des Auferstandenen.

Berufung zum Christsein heißt Berufensein zum Leben! Berufung geht so: Wenn ich glauben kann, dass Gott mich gewollt hat, dann will ich auch glauben, dass er mit mir etwas vorhat.

Der Autor
Stefan JürgensStefan Jürgens ist Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster. | Foto: privat

Wenn ich glauben kann, dass Gemeinschaft gut ist, dann will ich auch glauben, dass ich darin wichtig bin. Ich bin gerufen zum Menschsein, suche nach meiner ganz eigenen Identität. Ich brauche einen Sinn in meinem Leben, ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Mein Leben ist Geschenk und Auftrag, Gabe und Aufgabe. Ich weiß mich persönlich von Gott angesprochen, suche ihn in meinem Leben: Was hat er mit mir vor? So finde ich meinen Platz in Gottes Plan.

Ein Platz im Plan Gottes

Ich möchte mitmischen, mich engagieren, suche nach meinem persönlichen Weg: Was kann ich tun, damit Kirche lebt? So finde ich meinen Platz in der Kirche. Es gibt die Berufung zum Menschsein und eine Berufung zum Glauben: Was möchte ich? – Das treibt mich voran. Was kann ich? – Dazu bin ich begabt. Was will ich? – Ich muss mich entscheiden.

Gott liebt uns für sein Leben gern – um Christi willen. Deshalb dürfen wir Christen uns berufen wissen wie Paulus, uns senden lassen wie Jesaja. Und als Menschenfischer andere lebendig machen, mit ihnen ihre Berufung entdecken.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis (C) finden Sie hier.