Der Brühwürfel der Welt?

Auslegung der Lesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

"Ihr seid das Salz der Erde" und "ihr seid das Licht der Welt": Das sind zwei von so manchen Sätzen der Bibel, die jeder kennt. Aber was bedeuten sie? Und wie soll Salz seinen Geschmack verlieren? Markus Nolte schaut in seiner Auslegung der Lesungen dieses Sonntags, hinter die Bildworte.

Ein Mindesthaltbarkeitsdatum für ein Lebensmittel, das Millionen Jahre alt ist, bevor es überhaupt zum Verzehr nutzbar gemacht wurde – wie verrückt ist das denn? Bei Salz ist das der Fall. Ganz gleich, ob es um schnödes Speisesalz mit oder ohne Jod und Fluor geht, ob um edles „Fleur de sel”, exotisches Himalayasalz oder Luxussalze mit Rosenblüten, Safran oder schwarzem Knoblauch: Die Lebensmittelkennzeichenverordnung schreibt vor, dass alle verpackten Lebensmittel mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum gekennzeichnet werden müssen.

Auch in dieser Hinsicht war zur Zeit Jesu manches unkomplizierter. Er konnte Menschen als Licht bezeichnen und seine Jünger als Salz – und alle verstanden, was er sagen wollte. Das zeigt das Evangelium dieses Sonntags: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.” Zwei Sätze, die so bekannt und vertraut sind, dass sie gehört und doch nicht gehört werden.

Super Ausrede für laffe Speisen

 Die Lesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Denn auch Jesus kennt ein Mindesthaltbarkeitsdatum für Salz: „Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?” In meinem Küchen-Erfahrungs-Schatz kommt das nicht vor. Wenn meine geliebte Rindfleischbrühe nicht würzig genug ist, liegt das definitiv an meiner Unsicherheit bei der richtigen Dosierung im Verhältnis zur verwendeten Menge an Wasser, Gemüse, Fleisch und Suppenknochen. Aber sicherlich nicht daran, dass mein Salz schal geworden wäre. Obwohl, eine gute Ausrede wäre das schon für den Fall, dass die Brühe schlichtweg zu laff geraten ist: „Das muss am Salz liegen, war wohl abgelaufen.”

Bibel-Experten vermuten jedoch, dass das Würzproblem von Jesus durchaus eine Alltags-Erfahrung der Menschen seiner Zeit war. Salz wurde vor allem zum Haltbarmachen von Speisen verwendet. Es kam aus dem Toten Meer und war tatsächlich nicht lange haltbar. Wenn es nicht mehr wirkte wie gewünscht, wurde es schlichtweg weggeworfen.

Kirche zum Pökeln, Christen zum Streuen?

Aber was machen wir heute mit dem Bild vom Salz? Wir könnten grübeln, welche chemischen Eigenschaften von Natriumchlorid auf den Zusammenhalt in der Gemeinde übertragen werden könnten. Oder darüber, ob die Kirche wie Pökelsalz vor allem Wertvolles konservieren muss in unserer schnelllebigen Zeit. Oder darüber, wie Christen dem Streusalz ähnlich dazu beitragen könnten, das eisige Klima in der Gesellschaft aufzutauen – damit keiner ausrutscht und fällt.

So reizvoll solche Hineindeutungsversuche sind, vermutlich ist die Sache viel einfacher. Denn natürlich geht es Jesus darum, seine Anhänger zu ermutigen. Eine echte Motivations-Rede! Die Verse des Sonntags-Evangeliums sind Teil der Bergpredigt, gehören also gewissermaßen zum Regierungsprogramm für das  Reich Gottes, das Jesus zu Beginn seines Wirkens im Matthäus-Evangelium verkündet: „Selig, die arm sind vor Gott, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die rein sind im Herzen, die Frieden stiften, die verfolgt werden.”

Eine echte Motivationsrede!

Markus Nolte.
Markus Nolte ist Diplom-Theologe und stellvertretender Chefredakteur von „kirche-und-leben.de”. | Foto: Michael Bönte

Und dann spricht Jesus die versammelten Menschen, die Jüngerinnen und Jünger, direkt an. Da wird es spannend! Denn er sagt ihnen gerade nicht, was er von ihnen erwartet, das sie tun sollen und was sie sein sollen. Er sagt vielmehr, was sie sind: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.” Er motiviert seine Zuhörer – und damit uns –, die Welt zu salzen, damit sie nährt statt aussaugt, kräftigt statt auslaugt und so das Leben ein tiefer Genuss statt fade Geschmacksenttäuschung ist.

Das Salz der Welt – das sind jene, die Jesus „selig” nennt. Und jene, denen Gott aufscheint als der „Hier bin ich”, weil sie dafür stehen, was in der ersten Lesung beim Propheten Jesaja zu hören ist: Hungrige speisen, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden. So formuliert es auch das Matthäus-Evangelium 20 Kapitel später im Gleichnis von den Böcken und den Schafen und mit den Werken der Barmherzigkeit.

"Ihr seid der Brühwürfel der Welt"?

Die Kirche als Salzkammergut der Welt – das bedeutet übrigens nicht, dass sie immer nur hochdosierte Moral vorsetzt. Schließlich heißt es nicht: „Ihr seid der Brühwürfel der Welt.” Es bedeutet auch nicht, Fundamentalopposition in unserer Gesellschaft angesichts des bösen Zeitgeistes zu sein. Schließlich heißt es nicht: „Ihr seid der Senf der Welt.” Und natürlich sind Christen auch nicht für die Versüßung des ach-so-bitteren Lebens zuständig. Schließlich heißt es nicht: „Ihr seid der Honig der Welt.”

Sondern: „Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt.” Immer da, wo wir aus diesem Zutrauen und dieser Zusage Gottes leben, wo wir die Menschen mit seinen Augen sehen, wo wir miteinander so umgehen, wie Gott mit uns, voll Liebe, Respekt, Vergebungsbereitschaft, Hingabe – da salzen wir die Welt und machen sie ein ganzes Stück heller.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.