Jan Loffeld über Ameland und einen Gott, der stärker ist als die Kirche

Auslegung der Lesungen vom 6. Sonntag der Osterzeit (C)

Dieser Sonntag wirft einen Blick in die Zukuft. Jesus hinterlässt sein Vermächtnis. Was kam dann? Die Kirche, sicherlich. Aber nicht um ihrer selbst willen, sagt Jan Loffeld, Priester des Bistums Münster und Professor in Utrecht.

Ameland ist ein Begriff, sicher im Bistum Münster. Ende Januar fand dort der Weltjugendtag statt. Richtig gelesen: Die niederländische Jugendpastoral hatte Daheimgebliebene eingeladen, den Weltjugendtag auf Ameland zu erleben. Ein Wochenende auf der Insel mit Katechesen durch Bischöfe, Eucharistie- und Versöhnungsfeiern, Geselligkeit und Strandspaziergängen. Die großen Gottesdienste wurden per Livestream mitgefeiert. Geworben wurde so dafür: „Panama und Ameland haben viel gemeinsam: Strand, Sonne, Erholung und nette Leute!“

Die Lesungen des 6. Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Die Logik einer „Ereignispastoral“, in die man den Weltjugendtag einordnen könnte, hat viel mit der Erfahrung des „Sehers von Patmos“ in der zweiten Lesung gemeinsam: Auf einer Insel kann der Alltag weit weg sein, und manches ist von hier aus heilsam relativierbar. Denn dort sieht man mehr und anders, sicher vom Berg aus. Der Seher schaut die vollendete Gestalt des Christentums, das himmlische Jerusalem, in der man offenbar keine allzu festen Orte mehr wie den Tempel benötigt. Außerdem: „Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und das Lamm.“

Nicht die Kirche ist Inhalt der Pastoral

Es geht bei der Verkündigung der Frohen Botschaft, das lässt sich hier lernen, um die Herrlichkeit Gottes, die das Glück und Heil des Menschen bedeuten kann – weniger geht es um die Kirche an sich. Vor allem aber hat die irdische Kirche, wenn das Reich Gottes ganz gekommen ist, ihre Schuldigkeit getan. Diese Kirche ist ein sakramentales Werkzeug und so Zeugin für den größeren Gott, wie es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert. Damit ist nicht die Kirche an sich Inhalt der Pas­toral, wie sie in manchen Pastoralkonzepten erscheint, sondern das Evangelium. Es ist unsere Marke. Wie verlassen wir wären, wenn dies allein „die Kirche“ wäre, hat sich nicht zuletzt während der letzten Monate gezeigt.

Zu jeder Epoche muss die Kirche jene Orte und Mittel wählen, durch die sie ihren sakramentalen Grundauftrag, Menschen heilsam mit dem Evangelium zu berühren, am besten erfüllen kann. Beides, der Perspektivwechsel von Insel und Berg wie auch eine wohltuende Relativierung der „Stellschraube Kirchenentwicklung“ können wichtige Koordinaten für die Zukunft angeben.

Probleme von Anfang an

Innerhalb der Zeitlichkeit hat die Kirche offenbar schon von Beginn an schwierige Probleme zu lösen, wie es die erste Lesung aus der Apostelgeschichte bezeugt: Sollen Neubekehrte den Weg über das jüdische Gesetz zum Christentum gehen, oder ist die Taufe schon ausreichend? Das Problem wird „synodal“, also auf einem gemeinsamen Weg der Entscheidungsfindung geklärt.

Jan Loffeld.
Jan Loffeld ist Priester des Bistums Münster und Professor für Praktische Theologie in Utrecht (Niederlande). | Foto: privat

Diese Strategie leitet sich von der Überzeugung her, dass der Heilige Geist aus unterschiedlichen Quellen spricht und keine (hier weder die Gemeinde noch die Apostel) ihn von vorneherein nur für sich reklamieren kann. Denn letztlich ist dieser Geist die eigentliche Lehrautorität der Kirche, wie es das Evangelium bezeugt. Das macht es wiederum nicht einfacher, denn der Geist steht in der Praxis dafür, dass Eindeutigkeit im Glauben nur sehr schwer, wenn überhaupt, zu haben ist. Zu wissen, was der Geist möchte, bedarf des Zuhörens, der Unterscheidung, des Gebets – übrigens alles Kriterien, die Papst Franziskus einer synodalen Kirchengestalt zuschreibt.

Es gibt genügend Störfeuer

Manchmal braucht es für eine solche andere Kirche den Ortswechsel auf eine Insel oder einen anderen Kontinent, wie es der Seher von Patmos und auch die Weltjugendtagsjugendlichen erfahren konnten. Die geistliche Tradition nimmt an, dass sich bei der richtigen Entscheidung aus dem Geist Trost oder innerer Friede einstellen. Dies könnte jener Friede sein, den Jesus „seinen Frieden“ nennt. Er wäre, wenn man sich in aller Ernsthaftigkeit darauf einlässt, ein wirkliches Pfund, das Christinnen und Christen unserer Zeit anbieten könnten.

Sicherlich ist der Weg mühsam und weit zu einer solchen Kirchengestalt. Es gibt fraglos genügend Störfeuer. Doch auch hier wäre jene heilsame Relativierung angesagt: Selbst wenn die Kirche es so oft nicht schafft, ihren eigenen Idealen zu entsprechen – Gott, sein Geist und das Evangelium sind allesamt stärker als die Kirche. Die Urbedingung, die Jesus im Evangelium formuliert, lautet, ob wir ihn lieben und deshalb an seinem Wort festhalten. Das kann befreien, auch inmitten der Kirche, und sie trotz allem wiederum liebenswert und notwendig erscheinen lassen. Denn letztlich hat sie uns in Gestalt großer und kleiner, bedeutender wie unbekannter Glaubenszeuginnen und -zeugen dieses Wort vom neuen Frieden gebracht.

Sämtliche Texte der Lesungen des 6. Ostersonntags (Lesejahr C) finden Sie hier.