"Her mit den Querdenkern!", sagt Pater Hans-Michael Hürter aus Lengerich

Auslegung der Lesungen vom 6. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A)

"Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten." So steht es im Evangelium dieses Sonntags. Aber kann man zur Liebe auffordern? Antworten von Pater Hans-Michael Hürter aus Lengerich.

Seit ihrem Beginn ist die Kirche eine bedrängte, mitunter sogar eine verfolgte Kirche. Die Berichte der Apostelgeschichte zeigen bereits beängstigende und brutale Züge auf. Der Diakon Stephanus ist einer der ersten Blutzeugen dieser andauernden Verfolgung, die eine noch junge Christengemeinde von Jerusalem aus versprengte. Auch heute noch werden Christinnen und Christen in 128 Ländern der Erde verfolgt und können ihren Glauben nicht frei leben. Sie sind Opfer von Gewalt, staatlicher Unterdrückung oder gar gesellschaftlichen Anfeindungen. Ursache ist meis­tens der politische Missbrauch von Religion. Besonders gefährdet sind Christen als Minderheit. Religiöse Diskriminierung trifft jedoch Angehörige aller Religionen.

Dennoch sind die Frauen und Männer in der jungen Kirche bereit, trotz Widrigkeiten und der Zerstreuung ihrer Gemeinden, Gottes Wort zu verkünden und ihre Glaubensüberzeugung an den auferstandenen Christus in die Welt zu tragen. Sie verbreiten die Botschaft des Auferstandenen bis an die damals bekannten Grenzen und gehen noch darüber hinaus. Das Wort Jesu: „Geht in alle Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“, ist an dieser Stelle sicher eine der Grundmotivationen.

Raus aus der Gewohnheit

 Die Lesungen vom 6. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Darin besteht ihre eigentliche missionarische Haltung. Sie wollen sich nicht auf ihren sicheren Bereich zurückziehen, sondern gehen in unbekannte Gebiete und Regionen, an die Orte, wo die eigentlichen Herausforderungen auf sie warten und wo ihnen durchaus widersprochen wird.

Die entstehende Kirche verlässt sehr bewusst die gewohnte, bequeme Geborgenheit und begibt sich ausdrücklich auf unsicheres Terrain, in der alleinigen Zuversicht, dass Christus mitgeht und sein lebensspendender Geist sie begleitet. Entscheidend ist dabei, dies nicht als Einzelkämpfer zu tun, sondern in Gemeinschaft, die stärkt und ein gutes, gegenseitiges Korrektiv bietet.

Auf den ersten Blick ganz einfach

Der charismatische Diakon Philippus hat sicher nicht überall in „ganz Samarien“ Gottes Wort verkünden können. Dennoch sind Gemeinden nach und nach durch seine überzeugende und glaubwürdige Predigt entstanden. Die Begegnung mit Christus wird hier zum Zeugnis für Nichtchristen.

Dahinter steht die Bereitschaft und innere Verfügbarkeit, stets „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt“ (zweite Lesung). Das klingt im Petrusbrief auf den ersten Blick ganz einfach. Es meint jedoch nicht das Herstellen einer vermeintlichen „Wohlfühlfrömmigkeit“, sondern ein aktives, missionarisches Sich-Einmischen in die sozialen Belange mit der Osterbotschaft im Herzen. Da geht es auch darum, die Finger in die Wunden unserer Zeit und Welt zu legen und auf gemeinsame (synodale) Wege zu achten, die uns als Kirche voranbringen.

Handeln braucht Herz

Pater Hans-Michael Hürter
Pater Hans-Michael Hürter ist Seelsorger in der Pfarrei Seliger Niels Stensen, Lengerich.

Bei einer Fortbildung zu Themen der Lokalen Kirchenentwicklung habe ich erfahren, wie wichtig es ist, möglichst viele Menschen dabei mitzunehmen und zu begeistern. Das geht weder von jetzt auf gleich, noch durch Anordnung von oben, sondern nur durch mühsames Einüben von wirklichen Beteiligungsmodalitäten, die alle Christen in ihrer Taufwürde ernst nimmt. Dabei sind durchaus kreative – warum nicht auch ökumenische – Querdenker gefragt und weniger die zurückschauenden Bewahrer.

Pastorales Reden und Handeln ohne eine Spiritualität und innere Haltung, die das Herz verwandeln, sind da überflüssig. Im Gegensatz zur verfassten Kirche von heute stehen in der Urkirche die Strukturüberlegungen und die dazu passenden Diskussionen an zweiter Stelle.

Begeisterte sind entscheidend

Entscheidend sind die Personen, die mit ihrem Leben die Wahrheit des Evangeliums bezeugen und die, von Gottes Geist geleitet, begeistern und überzeugen. Es geht darum, den Osterglauben in der Welt von heute zu verorten.

Wie entscheidend dabei dieser Geist ist, zeigen die „Trostworte an die Jünger“ im Johannes-Evangelium. Manche beschreiben sie auch als Abschiedworte Jesu, in denen er ein Vermächtnis an seine Jüngerinnen und Jünger hinterlässt.

Der Gründer und Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, Roger Schutz (1915-2005), hat dazu einmal gesagt: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!“. Das ist Maßstab genug.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) finden Sie hier.