Pfarrer Stefan Jürgens: Gott ist kein Lohnbuchhalter

Auslegung der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (C)

Selig die einen, Wehe den anderen: Was im Matthäus-Evangelium die Bergpredigt ist, heißt bei Lukas Feldrede. Pfarrer Stefan Jürgens macht in seiner Auslegung der Sonntags-Lesungen auch klar, warum Jesus ein Problem mit reichen Leuten hat.

 

An der Bergpredigt kommt kein Christ vorbei: Matthäus-Evangelium, Kapitel fünf bis sieben. Das Grundgesetz Jesu ist eine Herausforderung, bewusst zu leben, konsequent, alternativ.

Darüber wurde viel nachgedacht. Manche hielten die Bergpredigt für eine Utopie, ja für ein moralisches Hirngespinst, unbrauchbar für die politische Realität. Andere meinten, sie sei eine Art Gewissensspiegel, der uns nur deutlich mache, dass wir schlimme Sünder seien und Gottes Gnade unbedingt nötig hätten. Spätestens seit der Friedensbewegung in den Achtzigerjahren jedoch sagen die meisten: Man muss die Bergpredigt wieder ernst nehmen, als Anspruch und Maßstab des Christlichen.

Lukas ist schärfer

Lesungen und Evangelium vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Die Bergpredigt heißt im Lukas-Evangelium Feldrede. Beide Evangelisten Matthäus wie Lukas hatten die so genannte Spruchquelle „Q“ vor Augen; sie haben die Worte Jesu, die darin überliefert waren, lediglich verschieden auskomponiert. Während Mat­­thäus die Bergpredigt mit acht Seligpreisungen beginnt, lässt Lukas Jesus vier Seligpreisungen ausrufen, denen vier Weherufe folgen. Deshalb sagen manche Exegeten, die Lukasfassung sei die ältere, weil schärfere, während Matthäus manche Jesusworte verallgemeinert und dadurch vergeistigt habe.

Tatsächlich: Wenn bei Matthäus zu lesen ist, dass die „Armen im Geiste“ seligzupreisen sind, so sind es bei Lukas die wirklich Armen, Hungernden, Weinenden und Ausgestoßenen. Die Verursacher der Armut – die Reichen, Satten, Harten und Selbstgefälligen – werden bei Lukas mit deutlichen Weherufen ermahnt.

Warum hat Jesus Probleme mit Reichen?

Lukas ist der Evangelist, der die Reichen am deutlichsten angreift. Denken wir etwa an das Gleichnis vom armen Lazarus und vom reichen Prasser (Lk 16). Oder an das vom reichen Bauern mit seinen vollen Scheunen (Lk 12). Warum hat Jesus so große Probleme mit den Reichen? Weil Gott mit ihnen mehr Arbeit hat! Gott muss die Reichen nämlich zuerst arm machen, damit auch sie wirklich begreifen, dass sie ihn brauchen. Die Armen bringen meistens eine größere Offenheit für Gott mit, während die Reichen sich selbst genug sind und jeden Erfolg auf ihr eigenes Konto schreiben.

Eine ähnliche Gegenüberstellung lesen wir in der ersten Lesung aus dem Propheten Jeremia. Hier wird, zum Teil wortgleich mit Psalm 1, der Mensch verflucht, der auf sich selbst setzt, und derjenige gesegnet, der auf Gott vertraut. Der Prophet sah zu seiner Zeit die Katastrophe voraus, die auf Jerusalem zusteuerte, und er sah den Grund darin, dass der damalige König Zidkija von Juda mehr auf Menschenrat statt auf Gottes Wort hörte. Das Leitwort des Kardinals von Galen „Weder Lob noch Furcht“, „Nec laudibus, nec timore!“, hätte man ihm damals zurufen können. Gottvertrauen macht innerlich frei, auch wenn es selbstverständlich nicht alle Probleme löst.

Die Nagelprobe des Gottvertrauens

Die Nagelprobe des Gottvertrauens ist die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Der Abschnitt aus dem Ersten Korintherbrief, der als zweite Lesung vorgetragen wird, macht deutlich: Ohne die Auferstehung aller hätte es auch keine Auferstehung Jesu Christi gegeben. Ohne die Auferstehung Jesu Christi wäre deshalb der ganze Glaube sinnlos. Wir hätten zeitlebens auf die falsche Karte gesetzt. Von Erlösung keine Spur.

Deshalb kann man die Auferstehung Jesu Christi nur gemeinsam mit der Auferstehung der Christen sehen. Das Herzstück des christlichen Glaubens gilt für alle – für Christus und die Christen.

Der Autor
Stefan JürgensStefan Jürgens ist Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster. | Foto: privat

Manche Christen fragen: Wenn ich doch erlöst bin, warum soll ich mich dann überhaupt noch anstrengen? Kann ich dann nicht einfach so drauflos leben? Für sie ist der Himmel offenbar immer noch der Lohn für ein moralisch einwandfreies Leben. Sie bezweifeln die Erlösung für alle, weil sie meinen, gute Taten und Frömmigkeit bei Gott einzahlen zu müssen, um sie hinterher mit Ewigkeitszinsen wieder ausgezahlt zu bekommen.

Wer geliebt ist, kann lieben

Sie machen damit Gott zu einem Lohnbuchhalter und sich selbst zu Sklaven einer angstbesetzten Lohnmoral. In Wirklichkeit ist es jedoch so: Wer Liebe erfahren hat, kann lieben. Wer Jesus Christus mit seiner ganzen Hingabe und Liebe als Heiland und Erlöser angenommen hat, wird das Gute aus lauter Liebe tun, denn Liebe bringt stets Größeres hervor als Pflicht oder Angst.

Statt nur ihre Schuldigkeit zu tun, verschenkt sich die Liebe selbst und geht damit über jedes Maß hinaus. Das bedeutet: Wer erlöst ist, kann selbstvergessen lieben! Vielleicht tadelt Lukas deshalb die Reichen: Weil sie, statt zu lieben, sich auf sich selbst und ihre eigene Leistung verlassen. Wer jedoch auf die Ewigkeit hoffen kann, wird auch in der Zeit ganz und gar auf Gott vertrauen.

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