Gottes Willen tun – aber wie? Ein Impuls von Abt Laurentius Schlieker OSB

Auslegung der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Die Kirche ist eine Angelegenheit von Verboten und Gesetzen. Soweit das Klischee. Jesus selbst hat sich mit den Geboten auseinander gesetzt. Über sein neues, wesentliches Gebot Impulse von Abt Laurentius Schlieker, Abtei Gerleve.

Die ersten Christen waren alle Juden, die wie Jesus ihre traditionellen Bräuche beobachteten. Sehr bald wurden auch Nicht­juden Christen, diese mussten jedoch einige Traditionen der Juden nicht beachten. Über diese vom Geist bewirkte Entwicklung können wir heute noch staunen. Zugleich ist verständlich, dass nicht alle jüdischen Christen sich dabei wohl fühlten. Wir wissen selber, wie schwierig es ist, Traditionen aufzugeben, die Teil des religiösen und sozialen Lebens gewesen sind, und wie herausfordernd, für alte Konflikte neue Lösungen zu finden.

Das Matthäus-Evangelium, aus dem der sonntägliche Abschnitt der Bergpredigt stammt, nimmt immer wieder Bezug auf das mosaische Gesetz, um deutlich zu machen, dass das Leben Jesu kein Bruch mit dem Glauben Israels ist, vielmehr Fortsetzung und Erfüllung aller Verheißungen des Ersten Testaments.

Alles steht und fällt mit der Liebe

Die Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Das Leben und die Lehre Jesu entwickeln die Geschichte Gottes mit seinem Volk weiter. Mehr noch: Jesus ist der Höhepunkt dieser Geschichte, weil er der versprochene Messias-König und Retter ist, auf den die Juden so lange gewartet hatten. Er ist nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten abzuschaffen, sondern um sie zur Vollendung zu bringen.

Zudem hat er seine Denkweise eingeführt: Alles steht und fällt mit der Liebe. Ein Gesetz ohne Liebe ist seelenlos. „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer – die perfekten Beobachter des Gesetzesbuchstabens – werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“, sagt Jesus. Die Grundlage des biblischen Lebensgesetzes ist, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Die Beziehungen zu Gott, zu den Menschen und zu uns selbst hängen zusammen, sie lassen sich nicht trennen.

Wer hasst, ist ein Mörder

Wenn wir Gott in unseren Schwestern und Brüdern nicht finden können, können wir nicht sagen, dass wir Gott wirklich lieben. „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Oder schärfer formuliert: „Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder.“

Das Gesetz sagt, was man tun oder lassen soll. Jesus geht weit darüber hinaus. Seine überspitzten und manchmal unerträglichen Worte offenbaren seine innere Haltung. Ihm geht es um den Willen Gottes. Dieser Wille Gottes ist das, was sich jetzt, in diesem Augenblick durch Jesus Christus in Gang setzt: das Kommen seines Reiches. Den Willen Gottes „tun“ bedeutet, sich diesem Geschehen zu öffnen, der Botschaft Jesu, dem Evangelium zu glauben, mitzuhelfen bei dem Neuen, das jetzt geschieht: in Stimmenvielfalt und ohne Schüchternheit. Sich in den Willen Gottes hineinbegeben bedeutet nicht, alles zu verstehen und alles zu durchschauen. Den Willen Gottes tun kann auch bedeuten, in eine Dunkelheit hinein zu gehen, die sich erst später erhellt.

Keine Angst!

Abt Laurentius Schlieker OSB.
Laurentius Schlieker OSB, Abt der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: Markus Nolte

Jesus ist nicht gekommen um irgendetwas in uns zu unterdrücken, sondern um uns Fülle zu geben, um in uns Vertrauen zu wecken. Wir sollen uns vor seiner Lehre nicht ängstigen, sondern versuchen, die Wahrheit, die er uns sagt, zur Grundlage unseres Handelns und unserer Worte zu machen. Jesus gibt im heutigen Abschnitt bei Matthäus einige Beispiele, die deutlich machen, dass es nicht ausreicht, im Umgang miteinander nur das vorgeschriebene Gesetz zu halten. Seine Worte zur Ehe sind brisant. Schon bei der Versuchung zur Untreue betont Jesus die große Bedeutung unserer Grundhaltung. Wir dürfen eine andere Person nicht einfach nur wie ein Spielzeug benutzen. Wenn das passiert, ist es ein schwerer Verstoß gegen das Vertrauen und die Treue.

Zur Zeit Jesu war es für den Ehemann relativ einfach, sich scheiden zu lassen. Wenn er sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlte, konnte er einfach eine offizielle Erklärung zur Scheidung abgeben. Die Ehefrau hingegen konnte nichts machen, hatte kein Mitspracherecht. Dieser Vorgang war legal, aber für Jesus verstieß er gegen die Würde und die Rechte der Frau. Er war zwar legal, aber zugleich ungerecht und unmoralisch.

Ein neuer Klang in der Welt

Zur Zeit Jesu waren Liebe und Glück nicht unbedingt mit der Ehe verbunden, die in erster Linie zwei Familien zusammenzuführen hatte, um Erben hervorzubringen. Unsere heutige Situation ist eine andere, und sie ist komplexer. Jesus hat das mosaische Gesetz darauf geprüft, ob es auch Ausdruck von Liebe und Gerechtigkeit ist.

Mehr noch: Er hat einen neuen Klang in die Welt gebracht, das Lied der Sehnsucht Gottes nach seiner Welt und seinen Menschen. Und wir suchen in seinem Wort neue Kraft, die uns den Rücken stärkt für alles was vor uns liegt.

 

Sämtliche Texte der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.