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Pater Elmar Salmann OSB über karnevaleske Quarantäne

Auslegung der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

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Quarantäne oder die Absonderung von Kranken vom Rest der Gesellschaft ist keine Erfindung aus Corona-Zeiten, weiß Pater Elmar Salmann. Aber es braucht eine Stimme, die den Kranken, den Isolierten anspricht; eine Hand, die ihn berührt; eine Verheißung. So, wie Jesus sie dem Aussätzigen gegeben hat.

Seit es Gesellschaftsordnungen gibt, finden wir Zeugnisse von Quarantäne, Ausschließung, Exkommunikation – als Schutz vor sozialer oder religiöser Entfremdung und ansteckenden Krankheiten seelischer, ideologischer oder somatischer Art. Es gibt Verbannung, Karzer, man wird in die Wüste geschickt, in die Ecke oder an den Pranger gestellt, damit das Böse ausgesondert und um seine Ansteckungskraft gebracht wird.

Im Alten Testament begegnen wir solchen Praktiken ungeschminkt; es scheint, dass eine Gesellschaft nicht anders funktionieren kann. Und doch ist da eine Ambivalenz, ein Schauder, eine magische Anziehung wie ein Zurückbeben vor der bannenden und unmerklichen Verbreitung des Bösen, der Krankheit wie vor der Ausschließung, die im Wort „Aussatz/Aussätzige” zusammenkommen.

 

Eigentümliche Kraft

 

Die Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Wie immer die Krankheiten heißen mögen, ob Lepra, Cholera, Pest, Tuberkulose, Ebola, die verschiedenen Formen der Grippe oder Rinderwahnsinn, ob Unglaube, Abfall, Häresie, Verbrechen, immer eignet dem Unruhe- und Ansteckungsherd wie den Maßnahmen und dem Ort der Absonderung eine eigentümliche Kraft der Abstoßung und Faszination, von deren Vibration unzählige Filme, Kriminalstücke und Romane oder eben auch die Bibel leben.

Diese Ambivalenz zeigt sich in auch in Begriffen wie Schutz oder Maske. Beide versprechen – eben Schutz, Einhegung der Gefahr, und doch stehen Begriffe wie Schutzhaft und Schutzstaffel für ein falsches In-Schutz-nehmen, die übermäßige Behütung hinter der Ecke. Die Maske verhindert unmittelbare Kommunikation oder Übertragung, macht aber auch unmündig, verstellt die Stimme, nimmt den Atem und die Sicht, die Brille beschlägt. Es ist wie ein Karneval, alles ist seitenverkehrt, entlastend und doch verzerrt. Es braucht das alles dringend, bleibt aber zwittrig. Von daher verstehen wir die vielen gemischten Empfindungen und Reaktionen in der Krise unserer Tage.

 

Das Böse und Fatale verbreitet sich durch Ansteckung

 

Deshalb muss der Bann immer wieder gelöst, unter- und durchbrochen werden: Es braucht eine Stimme, die den Kranken, den Isolierten anspricht; eine Hand, die ihn berührt; eine Verheißung, dass die Dinge eine gute Wendung nehmen können; einen Appell an die Freiheit, der die Regenerationskräfte des Patienten, des Einsamen weckt und ermutigt.

Das Böse und Fatale verbreitet sich durch Ansteckung, unmerklich und unfehlbar, das Gute, der Glaube, das Vertrauen hingegen durch kleine Ges­ten der Freiheit, in einem Zeugnis der Güte, der Zuwendung. Darin ist die Gestalt Jesu In- und Vorbild, eben der Heiland, aufgeschlossen und aufschließend, Welten der Lebbarkeit eröffnend.

 

Verfehlte Deutungen

 

Der Autor
P. Elmar Salmann OSB
Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz.

Freilich spricht der Evangelientext auch vom Vorbehalt und Vorenthalt Jesu, seiner Verborgenheit. Es handelt sich nicht um ein öffentliches Spektakel, eine Sensation, sondern um ein Geheimnis, das eine Hülle, eine Verschwiegenheit braucht, damit es nicht verdirbt oder ans Licht verfehlter Deutungen gezerrt wird. Es wird ein Glaubenssamen gesät, der noch länger in der Erde reifen, die Probe von Karfreitag und Ostern bestehen muss, damit seine Botschaft sich bewahrheitet, vom Gott des Lebens in die Finsternis hinein sprechen kann. Denn dieser Gott ist diesseits und jenseits unserer Kategorien von Ausschließung und Kommunikation, er begreift beide in sich.

Die neue Freiheit und Erschlossenheit prägt auch die Gestalt des Paulus, seine Weise des Entgegenkommens allen gegenüber. Ein solches Leben findet die Spuren der Gegenwart Christi und seines Gottes in allem, in Gesundheit und Krankheit, Steigerung und Minderung, Enge und Weite.

 

Gott möge in uns wohnen

 

Um eine solche Unbefangenheit vor und in Gott können und sollen wir immer neu beten, wie es in der Liturgie dieses Sonntags vorgeschlagen wird: „Gott, du liebst deine Geschöpfe, und es ist deine Freude, bei den Menschen zu wohnen. Gib uns ein reines und neues Herz, das bereit ist, dich aufzunehmen.“ Oder etwas näher am lateinischen Text und vielleicht auch an unserer Erfahrung: „Gott, der du redliche und ehrliche Herzen als Bleibe suchst, lass uns in deiner Gnade so sein, dass du gern in uns wohnen magst“ (Alex Stock).

Da braucht es keine Quarantäne mehr, sondern es herrscht die Freude des Beieinanderseins, des Austauschs, dessen, was biblisch Reich Gottes genannt wird.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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