Nicole Stockhoff über die Kraft der letzten Worte

Auslegung der Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (C)

So recht passen die Lesungen dieses Sonntags nicht in die Zeit: Alles blüht - und in der Bibel ist viel von Abschied die Rede. Was daran dennoch tröstlich ist, sagt Nicole Stockhoff, Liturgie-Referentin im Generalvikariat Münster.

Mögen Sie die Zeit zwischen den Jahren? Sie fragen sich vielleicht, warum Sie gerade Ende Mai mit dieser Frage konfrontiert werden. Wo doch jetzt Blumen und Bäume blühen, Knospen sich entfalten und die Tage hell geworden sind. Der siebte Sonntag der Osterzeit ist ein Tag dazwischen. Er steht zwischen Christi Himmelfahrt und Pfings­ten, zwischen Auffahrt Christi und Herabkunft des Heiligen Geistes.

Die Lesungen des 7. Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

In den biblischen Texten geht es um Abschied und Tod. Es geht um Freunde, die zurückgelassen werden müssen, und um Unsicherheiten, die in den letzten Stunden des Lebens aufkommen. Unabhängig davon, ob wir nun zwischen den Jahren stehen oder bald der Sommer beginnt, die letzten Worte eines Menschen sind kostbar.

Was die Großmutter uns aufgetragen hat

Oft kann man Sterbende nur noch schwer verstehen. Angehörige halten dann häufig ihr Ohr nah an die Lippen, damit keine Aussage, kein Wunsch, kein Rat verloren geht. Meistens haben die letzten Worte ein besonderes Gewicht. Sie gelten als verbindlich oder verpflichtend.

Meine Oma, die im gesegneten Alter von über 90 Jahren von uns gegangen ist, hat als Sterbende mit ihren letzten Worten fast eine Botschaft mit testamentarischem Charakter hinterlassen: „Kümmert euch um eure Eltern“, „haltet die Familie zusammen“ und „verliert den Glauben an den Herrgott nicht.“ Es sind Worte, die mir stark in Erinnerung geblieben sind, mich noch heute bewegen und bisweilen nachdenklich stimmen.

Jesus betet nicht um Erfolg

Auch Jesus hat solche Abschiedsworte gesprochen. Im Evangelium dieses Sonntags hat Jesus seinen Tod vor Augen. Er nutzt noch einmal die Gelegenheit und legt den Jüngern all das ans Herz, was ihm wichtig ist. Dann betet er für seine Jünger, die an ihn glauben. Er betet aber nicht um Glück, Gesundheit oder Erfolg, sondern er bittet um Einheit, um die Einheit im Glauben. Der entscheidende Wunsch Jesu lautet: „Alle sollen eins sein.“

Viele denken bei diesen Worten an die Einheit der Kirche, dass sich doch endlich wieder katholische und evangelische Christen zusammenschließen. Aber ich glaube, dass es bei dem Anliegen Jesu um mehr geht. Es scheint ihm um wirkliche und wahre Einheit im Glauben zu gehen.

Wer glaubt nicht richtig?

Es geht darum, dass sich unterschiedliche Gruppierungen in der Kirche nicht die Rechtgläubigkeit absprechen, sondern sich an der „Fülle der Wahrheit“ orientieren. Jeder ist aufgerufen, sich am Wort Gottes und an seiner Weisung zu orientieren. Jeder von uns ist aufgerufen, sich in der Eucharistiefeier, die als verbindendes und weltumspannendes Zeichen der Kirche erfahrbar bleiben muss, stärken zu lassen. Es geht darum, dass wir nach der Botschaft Jesu leben und ihn zum Maßstab unseres Lebens machen.

Einer, der diesen Wunsch Jesu bis zum Tod lebte, war der heilige Stephanus. In der Apostelgeschichte ist von seiner Steinigung die Rede. Mitten in der Todesgefahr sieht er den Himmel offen, und die Fülle des Heiligen Geistes, die Vision der Herrlichkeit Gottes, gibt ihm Kraft, dem Tod ins Auge zu sehen. Für mich ist es immer eine grandiose Schilderung und beeindruckend, dass ein Mensch so in den Tod gehen kann.

Die letzten Worte der Bibel

Die zweite Lesung ist aus dem Buch der Offenbarung. In der Vision richtet sich der Blick auf den wiederkehrenden Christus, der bald kommt und jedem seinen Lohn bringt. Die Kirche wendet sich ihm zu mit dem Ruf „Komm, Herr Jesus“. Dieser Sehnsuchtsruf ist der vorletzte Vers der Bibel.

Die Autorin
Nicole Stockhoff
Nicole Stockhoff leitet die
Fachstelle Gottesdienste im Generalvikariat Münster.

Vielleicht können uns manche Ereignisse, auch die Worte eines Sterbenden oder Sätze aus der Bibel unseren Glauben wiederfinden lassen. Für mich sind sie auf jeden Fall ein Aufruf, um als Zeugen und Botschafterinnen Christi unterwegs sein zu können. Auch wir können heute Christus begegnen. Er kann uns heute unsere Horizonte erschließen und den Blick weiten für das, was noch alles in unserem Leben passieren wird.

Christus möchte dabei als ein Gegenüber in unser Leben treten. Als einer, den wir ansprechen, nach dem wir auch laut schreien dürfen. Als einer, der bei mir bleibt und mich mit meinem Anliegen ernst nimmt. Auf diesem Weg des Glaubens brauchen wir nicht die Augen zu verschließen vor der Realität. Es ist ein Weg, auf dem wir beginnen dürfen zu vertrauen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns gegenseitig im Glauben stärken, den „Glauben an den Herrgott nicht verlieren“ und als österliche Menschen unseren Weg gehen und uns so im Vertrauen auf den auferstandenen Chris­­tus für eine menschliche Welt einsetzen, die um Einheit und Frieden bemüht ist.

Sämtliche Texte der Lesungen des 7. Ostersonntags (Lesejahr C) finden Sie hier.