Pater Hans-Michael Hürter aus Lengerich über einen leeren Stuhl und einen Neubeginn

Auslegung der Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A)

Unsichere Zeiten - auch für die Jünger damals. Jesus ist nicht mehr da. Sie selber haben sich ins Obergemach eines Hauses zurückgezogen. Doch genau da beginnt etwas Neues, meint Pater Hans-Michael Hürter aus Lengerich in seiner Schriftauslegung.

Amen, aus, Ende! Oder voll ins Risiko? Das könnte als Überschrift über den Lesungen des heutigen Sonntages stehen. Wir haben die Himmelfahrt Jesu gefeiert. Auch für die Jünger ist durch dieses Ereignis klar: Er ist da, aber anders. Ja, wie denn dann?

Zum ersten Mal in der neueren Geschichte Deutschlands fielen aufgrund des Virus Covid-19 alle öffentlichen Gottesdienste aus. Ein älterer Mann, den ich darüber informierte, sagte mir dazu: „Nicht einmal während des Krieges war das so. Was sind das nur für Zeiten?“ Genau auf diese Frage: „Was sind das nur für Zeiten?“, versucht Jesus eine Antwort zu geben.

Ringen um Entscheidung

Die Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Nach der Himmelfahrt Jesu verharren die Jünger erst einmal in Jerusalem im „Obergemach“. Es die Zeit der Verunsicherung, der Neuorientierung und des Sich-Sammelns, um gemeinsam einen Weg zu beschreiten und zu überlegen, wie die von Jesus empfangene Botschaft weitergegeben wird. Das ist sicher nicht immer so „einmütig“ erfolgt, wie die Apostelgeschichte es beschreibt. Es war ein zutiefst geistlicher Weg im Ringen um eine einmütige Entscheidung. Wichtig ist dabei, dass sie alle da sind: die Frauen, Maria und die Apostel.

Letztlich ist es das, was Kirche ausmacht: eine Gemeinschaft, die synodal, geistlich unterwegs ist und die in der differenzierten Betrachtung versucht, Gottes Willen im Hier und Jetzt zu erspüren, um den Menschen Vertrauen und Hoffnung zu schenken. Auch wir sind in diesen Zeiten quasi in einem „Obergemach“, verstreut in unseren Wohnungen, und die gottesdienstliche, physische Versammlung vor Ort ist arg beschränkt.

Unendliche Kreativität

Dennoch ist sehr viel von dieser Einmütigkeit aus der ersten Zeit der jungen Kirche der Jüngerinnen und Jünger Jesu zu erspüren: von solidarischen Aktionen für bestimmte Alters- oder Berufsgruppen bis über digitale Gebets- und Gottesdienstangebote. Glaube, Gebet und das, was Kirche in ihrem Wesen ausmacht, drücken sich neu und unendlich kreativ aus. Vernetzungen bilden sich, wo wir es gestern noch nicht für möglich gehalten haben, um Ihn gegenwärtig zu halten.

Im Evangelium dieses Sonntages lesen wir das Abschiedsgebet Jesu. Er blickt auf sein Leben zurück und legt vor seinem Vater für sein Werk Rechenschaft ab, schaut aber gleichzeitig auch nach vorne, indem er für seine Jünger direkt Fürbitte hält. Jesus ermutigt die Jünger so zum ewigen Leben, das in Gemeinschaft mit Gott und seinem Sohn Jesus erlangt werden kann, beziehungsweise durch Jesus, der in die Gemeinschaft mit Gott führt.

Ein besonderer Abschied

Pater Hans-Michael Hürter
Pater Hans-Michael Hürter ist Seelsorger in der Pfarrei Seliger Niels Stensen, Lengerich.

„Alle, die du mir gegeben hast“ sind in dieses fürbittende Gebet miteingeschlossen. Damit wird niemand außen vor gelassen und damit ist auch eine stete Wachsamkeit verbunden für Menschen am Rand. Jesus bleibt den Menschen, die sich ihm anvertrauen, treu. Er gibt ihnen hierbei zugleich ein Vermächtnis und eine Sendung mit auf den Weg.

Die Jünger spüren diese besondere Qualität des Abschieds, der in ein Gebet eingebettet ist. Einerseits wird Jesus sie verlassen, andererseits vertraut er ihnen eine Aufgabe für die Zukunft an. Es geht darum, die Sehnsucht an ihn wach zu halten, bis er wiederkommt. Da sind den Jüngern alle Möglichkeiten gegeben. Ihnen ist es überlassen, wie sie die bislang von Jesus empfangene Botschaft weitertragen und gleichzeitig ein Gespür für den wiederkommenden Herrn wach halten. Letztlich ist das die Grundaufgabe aller Christen. Es geht darum, eine (Gottes-) Verbundenheit lebendig zu halten.

Großherzige Solidarität

Ein Beispiel dazu habe ich in den letzten Wochen erlebt: Eine Arztpraxis hatte zu Spenden für Schutzkleidung, Schutzmasken und Desinfektionsmittel aufgerufen, die man bei uns im Pfarrheim abgeben konnte. So nahm ich eine große Menge an Spenden an. Die Selbstverständlichkeit und die Großherzigkeit dieser Solidarität mit dem Anliegen haben mich sehr berührt und demütig gemacht. Echte Solidarität schweißt zusammen.

In der jüdischen Kabbala gibt es eine Erzählung mit dem Bild des „leeren Stuhls“. Er ist für den wiederkommenden Herrn, für den Messias, reserviert. Nichts und niemand anderes dürfen diesen Stuhl einnehmen. Wenn man nun im alltäglichen Beschäftigungsdrang plötzlich merkt, dass dieser Stuhl nicht mehr leer ist, dann ist eines sicher: Es handelt sich nicht um den wirklichen Messias. Dann hat etwas Vorletztes Platz genommen. Passen wir auf, dass wir auf den Richtigen warten, und nicht dem Vorletzten, der nur vorübergeht, zuviel Raum geben.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr A) finden Sie hier.