Kaplan Ralf Meyer über Berufung: Warte nicht, bis du ausgelost wirst!

Auslegung der Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr B)

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Wer kann Zeugnis abgeben von Jesus? Nur die Apostel? Nur die, die von Anfang an dabei waren? Nur die, die in besonderer Weise auserwählt oder berufen sind? Gedanken zu den Schrifttexten von Ralf Meyer, Burgkaplan auf der Jugendburg Gemen.

Die folgende Situation zu Beginn der Apostelgeschichte stelle ich mir sehr merkwürdig vor: Da sitzen etwa 120 Frauen (?) und Männer um Petrus herum, und sie alle suchen einen neuen Nachfolger oder eine Nachfolgerin (?) für den Apostel Judas Iskariot, der Jesus verraten hatte.

Petrus benennt die Kriterien und eröffnet uns dadurch eine spannende Information: Offensichtlich gab es damals Menschen, die nicht direkt durch Jesus in die Nachfolge berufen wurden, aber dennoch von Anfang an seit seiner Taufe am Jordan und bis zum letzten Tag am Kreuz in seiner Nähe waren, seine Botschaft gehört, seine Wunder gesehen haben und – was dann ausschlaggebend ist – Zeugen der Auferstehung waren, ohne dass sie groß namentlich erwähnt werden. Von zwei von ihnen hören wir heute: Josef und Matthias, auf den letztendlich das Los fällt und der somit das Dutzend der Apostel wieder auffüllt.

 

119 wurden nicht berufen

 

Die Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Da bleiben also 119 andere „übrig“, die von Jesu Lehre und Weg durch Israel entweder nur einen Teil persönlich miterlebt haben. Oder sie gehören zu denjenigen, die durch Erzählungen der Auferstehung so fasziniert waren, dass sie sich zumindest selbst zu dieser jungen Gemeinde in Jerusalem gezählt haben. Sie wurden nicht zu Apos­tel berufen, bildeten jedoch eine Gruppe, die gemeinsam die Faszination und den Geist von Jesus Christus gespürt hat.

Jeder Person dieser Gemeinde wird im Gebet um das Los des Apostelamtes folgendes zugesagt: „Du, Herr, kennst die Herzen aller“, nicht nur die Herzen von Josef und Matthias, hier geht es um alle Herzen, alle Gefühle, Haltungen, die in dieser Gemeinschaft zusammenkommen.

 

Gott sieht din Herz

 

Das wiederum wird ergänzt durch die Haltung derer, die „die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen“ haben, wie es in der zweiten Lesung aus dem Johannesbrief heißt. In der Kombination wird deutlich: Gott sieht dein Herz und kennt dich. Er will uns deutlich machen: Du musst das Leben Jesu nicht hundertprozentig miterlebt oder vollständig verstanden haben; vielleicht fehlt dir auch das Verständnis für Jesu Auferstehung, weil du sie 2000 Jahre später nicht persönlich erleben kannst. Es genügt erkannt zu haben, dass dir der Geist Jesu geschenkt ist und dass Gott dich liebt.

Du musst nicht persönlich dabei gewesen sein, als die Stimme vom Himmel donnerte, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Oder als Jesus die vielen Menschen heilte. Dafür gab es Menschen, die damals Zeugen und Zeuginnen waren und das Evangelium weitererzählt haben.

 

Das Zeugnis der Nicht-Apostel

 

Der Autor
Burgkaplan Ralf Meyer.
Ralf Meyer ist Burgkaplan der Jugendburg Gemen. | Foto: privat

Seit Beginn der jungen Kirche gibt es also mehr als dieses Dutzend Apostel, die ebenso Lebenszeuginnen und -zeugen Jesu gewesen sind. Auch das Glaubenszeugnis jener „Nichtapostel“ hat dazu beigetragen, dass das Evangelium sich verbreitet hat und du heute gläubig bekennen kannst: Er ist der Sohn Gottes und er hat uns sein Wort gegeben.

Dieses Wort, dieses Versprechen, wird seit Jahrhunderten durch die Menschheitsgeschichte getragen, kann faszinieren und bezeugt noch heute den Geist des Auferstandenen. In der Weitergabe dieses Versprechens, so steht es im Evangelium dieses Sonntags, haben wir den Geist empfangen, der uns mit Freude erfüllt und uns vor dem Bösen bewahrt. In der Taufe empfangen wir den Namen des Vaters und haben noch nichts oder vielleicht nur teilweise etwas vom Leben Jesu gehört oder verstanden, trotzdem sorgt Gott dafür, dass wir „eins sind“ wie er und sein Sohn.

 

Berufung ist nicht nötig

 

Um dieses Glaubenszeugnis zu verkünden musst du kein Apostel sein oder sonst wie berufen, auserwählt oder ausgelost wie Matthias. Dein Glaube hängt nicht allein davon ab, von wo er kommt, sondern wie du ihn im Herzen weiterträgst. Wie du ihn lebendig hältst und dich immer neu faszinieren lässt. Das ist, was Gott sieht.

Er schaut nicht auf das Amt oder deine Aufgabe, er sieht die Liebe und die Wahrheit. Warte nicht darauf, dass du ausgelost wirst. Gott hat dir schon längst die Liebe zugeworfen und wartet auf deine Antwort. Frei nach dem Zitat von Frère Roger aus Taizé: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 7. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr B) finden Sie hier.

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