Benediktinerpater Elmar Salmann über erlaubte Tritte vors Schienbein

Auslegung der Lesungen vom 7. Sonntag im Jahreskreis (A)

»Meine Mutter meinte, ich solle mich wehren, und, so ich angegriffen würde, den anderen gegen das Schienbein treten«, erinnert sich P. Elmar Salmann. »Aber das tue doch weh, meinte ich. Ja, das solle es auch, versetzte sie. Gehört, gesagt, getan.«
»Meine Mutter meinte, ich solle mich wehren, und, so ich angegriffen würde, den anderen gegen das Schienbein treten«, erinnert sich P. Elmar Salmann. »Aber das tue doch weh, meinte ich. Ja, das solle es auch, versetzte sie. Gehört, gesagt, getan.«Foto: Jutta Rotter / pixelio.de

Ganz schön hoher Anspruch, den die Bergpredigt da formuliert: Still halten, sich nicht wehren, auch noch die andere Wange hinhalten. Ist das realistisch? Oder nicht doch nur ein an sich ja ganz nettes Ideal, das aber leider mit dieser Welt nichts zu tun hat?

Die vielgelobte Bergpredigt, von der wir im heutigen Evangelium einen Teil hören, kann auch erdrückend wirken, überfordern. Wenn man sie als neue Moral, als zu erfüllendes Gesetz versteht, ist sie sogar unannehmbar. Dann wären die Christen noch unglücklicher dran als die Heiden, müssten sich nach einer Decke strecken, die sie nie erreichen.

Das ruft eine Kindheitserinnerung in mir herauf. Auf allen Schulplätzen der Welt wiederholen sich dieselben Szenen: Man stellt einander Beinchen, es gibt  Schwitzkästen, Schüffeleien, es wird getreten, geschlagen, einander etwas weggenommen.

Das Evangelium dieses Sonntags zum Hören.

»Ich bin nicht Jesus Christus«

Vorspiel und Einübung im Blick auf den Lebenskampf. So auch bei mir. Bis meine Mutter meinte, ich solle mich wehren, und, so ich angegriffen würde, den anderen gegen das Schienbein treten. Aber das tue doch weh, meinte ich. Ja, das solle es auch, versetzte sie. Gehört, gesagt, getan. Bei nächster Gelegenheit wehrte ich mich auf diese Art.
Das sieht, es ist Mitte der Fünfzigerjahre, eine katholische, unverheiratete Lehrerin und fährt dazwischen, was ich da treibe. So ginge das nicht. Man dürfe sich nicht wehren, denn Jesus habe das gesagt, – und sie zitiert den Abschnitt dieses Sonntags aus der Bergpredigt.

Ich komme plärrend nach Hause und erzähle die Geschichte. Meine Mutter wird wütend und sagt: »Du machst weiter so, und wenn diese Person (sie sprach wohl von ›dummer Ziege‹) mir noch einmal so käme, dann solle ich antworten: Schönen Gruß von zu Hause! Ich solle mich weiter gegen Angriffe wehren, denn ich sei Elmar Salmann und nicht Jesus Christus.«

Das Reiz-Reaktions-Schema kann man auflösen

Eine Lehre, eine fundamentale Unterscheidung, die immer noch in den Ohren klingt. Wie aber sollen wir die Gebote der Bergpredigt verstehen? Wenn hier Unmögliches verlangt, Höchstideale verkündet und das schlechte Gewissen geschürt würde, dann verlöre der Text seinen einladenden Reiz und die christliche Moral erwiese sich als unlebbar.

Der Autor
Pater Elmar Salmann.Pater Elmar Salmann war Theologieprofessor in Rom und lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz

Aber vielleicht kann man den Text auch frischer lesen, ihn anders intonieren. Er könnte eine Ermutigung sein, den Spielraum der Freiheit zu erweitern. Die Gesetze des Reiz-Reaktions-Schemas, der instinktiven Rache sanft aufzubrechen, die ehernen Mechanismen, die diese Welt regieren, aufzuweichen, etwas dazwischenzuschieben: ein Atemholen, Meditieren, einen Humor, wie er in der Bergpredigt und den Gleichnissen öfters aufblitzt: Wenn schon Gott die Sonne über Guten und Bösen aufgehen lässt … Wenn ihr nur eure Freunde grüßt, tun das nicht auch die Mafiabosse?

Angewandte Relativitätstheorie

Da ist etwas Kindliches, Unbefangenes (was mich bleibend beim Sich-Wehren und Zurückschlagen hemmte – und auf Dauer habe ich damit diese Rituale unterlaufen), eine andere Art von Weisheit und Vernunft, etwas, das länger durchträgt und atmen lässt.
Man könnte im Blick auf die Pauluslesung von einer angewandten Relativitätstheorie sprechen: »Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott.« Es wird hier ein Rhythmus und eine Melodie der Zugehörigkeit angeschlagen, in dem der Mensch absehen kann von seiner kleinen Welt, sie von außen und ferne sieht und sich aufgehoben weiß in einen größeren Zusammenhang.

Nichts ist hier das Erste und Letzte, das endgültig Festgelegte oder Entscheidende, nicht Dogma oder Moral, keine Kirchenstruktur oder -reform, ja nicht einmal Christus; denn selbst er ist keineswegs christozentrisch orientiert, dreht sich nicht um seine Botschaft, sondern findet und lebt seine Identität als Gottessohn ganz auf den Vater hin und von ihm her, und als Menschensohn ist er in seinem inneren Wesen für die Menschen bestimmt, ihnen gegenüber aufgeschlossen, heilend gegenwärtig.