Pater Daniel Hörnemann OSB über eine allenfalls kurze Weihnachts-Idylle

Auslegung der Lesungen vom Fest der Heiligen Familie (Lesejahr B)

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„Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ - unvorstellbar? Nicht für Max Ernst, der diese Szene malte. Die Verfremdung macht deutlich: Die zu Weihnachten gern bemühte Idylle wird weder dem Fest noch der Heiligen Familie oder gar der Realität mit ihren Abgründen gerecht. Schriftauslegung von Pater Daniel Hörnemann OSB aus der Abtei Gerleve.

Erst im November 2000 wurde Paragraph 1631 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches neu gefasst: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Noch Mitte der 1960er Jahre galten Schläge bei über 80 Prozent der Eltern als notwendiges Erziehungsmittel. 1973 wurden Körperstrafen an Schulen der Bundesrepublik Deutschland verboten.

Es hat sich also jahrhundertelang gehalten, was sich wie sonst in der Antike auch in der Bibel findet: „Züchtige deinen Sohn, so wird er dir Verdruss ersparen und deinem Herzen Freude machen“ (Spr 29,17).

Dann lag Max Ernst mit seinem Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ von 1926 exakt auf der damalig richtigen Linie? Doch mit seiner Darstellung der Gottesmutter, die das Jesuskind übers Knie legt, löste er selbst im laizistischen Frankreich einen handfesten Skandal aus. Nachdem das Bild bereits die Franzosen schockiert hatte, sollte es auf einer Ausstellung der Kölner Sezession gezeigt werden und zog erst recht den kirchlichen Zorn auf sich.

Verrutscher Heiligenschein

Wohlgemerkt: Noch nicht einmal wegen der körperlichen Züchtigung des Jesuskindes, die zu der Zeit gang und gäbe war, sondern weil der Heiligenschein heruntergerollt war. Die Provokation ist gelungen, noch heute wirkt sie nach. Die Gottesmutter in den klassischen Farben italienischer Madonnendarstellungen holt zum erneuten Schlag aus, ihr überschattetes Gesicht wirkt keineswegs gewohnt sanftmütig, sondern hart und streng. Das auf ihrem Schoß liegende nackte und blondgelockte Kind mit bereits gerötetem Hinterteil scheint sich vergeblich gegen die Schläge wehren zu wollen.

Was für eine Darstellung der „Heiligen Familie“! Der ansonsten häufig als Mann am Rande mitabgebildete Ziehvater Josef fehlt völlig. Durch ein Fens­ter schauen nicht die Heiligen Drei Könige, sondern der Maler Max Ernst und seine Freunde Paul Éluard und André Breton, Repräsentanten eines modernen kritischen, vor allem auch religionskritischen Bewusstseins.

Verfremdetes christliches Bild

Pater Daniel Hörnemann
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Max Ernst bedient sich der klassischen christlichen Ikonographie, um sie sogleich zu verfremden und zu parodieren. Das alles auf dem Hintergrund seiner eigenen Biographie. Sein strengkatholischer Lehrervater malte ihn als süßlich-kitschigen Jesusknaben, schlug ihn wiederholt und verwünschte ihn schließlich.

Als Christkind und Engel porträtiert zu werden, schützte ihn dennoch nicht vor gelegentlicher Strafe durch seine Mutter, wie er aussagte: „Obwohl ich also das Jesuskind war, bin ich von meiner Mutter, die das Modell für die Madonna abgab, versohlt worden.“

Denkbild statt Gnadenbild

Max Ernst arbeitete aber nicht nur seine eigene Kindheit und Familiengeschichte im Bild auf. Wie schwer oder unmöglich mag es ihm gefallen sein, Vater und Mutter zu ehren oder gar zu lieben (erste Lesung). Der Vater hatte wohl den Kolosserbrief nicht gelesen „Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden“ (zweite Lesung).

Max Ernst schuf kein Gnaden- oder Kultbild, sondern ein Denkbild, in dem er das Gewaltpotenzial der christlichen Religion thematisierte. Er rechnet radikal mit den Glaubensbildern christlicher Harmonie ab. Es entstand das Gegenteil einer trügerischen, allenfalls kurzzeitigen Weihnachtsidylle, die in Tiefzeiten sowieso nicht trägt. Erst wo wir uns der Wirklichkeit und ihren Abgründen stellen, in der Konfrontation mit dem Unerhörten wird ein eigentlich christliches Weihnachtsfest erlebbar.

Auf die Krippe folgt das Kreuz

Wer genau hinschaut, wird auch in der Szene im Tempel mit der armseligen Heiligen Familie und den beiden Alten keine nachweihnachtliche Idylle erkennen (Evangelium). Bereits kurz nach der Krippe wird das Kreuz sichtbar. Der Mutter Jesu wird vorausgesagt, dass ihr Sohn Widerspruch erfahren wird und als Messias zu leiden hat.

Ihr selbst werde „ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35). Die Signale stehen bereits in der Kindheit Jesu auf Gewalt. Wo Licht ist, ist auch Dunkelheit, wo Freude ist, gibt es auch herzzerreißenden Schmerz, wo Erlösung geschieht, passiert die Katastrophe. Die Menschwerdung Gottes geschah hinein in eine keineswegs unproblematische Familiensituation, in eine von Gewalt geprägte Welt, der der Gottessohn schließlich zum Opfer fallen sollte.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Fest der Heiligen Familie finden Sie hier.

 

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