Bastian Rütten über Jesus, den Dorf-Friseur und Palmsonntag

Auslegung der Lesungen vom Palmsonntag (C)

Mit dem Palmsonntag beginnt die schwerste Woche des gesamten Kirchenjahrs: Jesus zieht in Jerusalem ein, um gekreuzigt zu werden. Bastian Rütten aus Kevelaer findet dennoch die rundum positive Botschaft dieses Sonntags.

„Du müsstest auch mal wieder zum Friseur!“ Das ist so ein Satz, den meine Frau meistens am Sonntag für mich hat – wenn wir Zeit haben, auf die wirklich wichtigen Dinge zu achten. Und weil sie nicht Unrecht hat, weil sie mich kennt und ich mir ein gewisses Haarmaß nicht mehr leisten kann, sitze ich dann meistens innerhalb der nächsten Werktage auf dem Frisierstuhl im Salon meines Friseurs. Wobei, „Salon“ trifft es in diesem Fall nicht so recht.

Dorftratsch und große Politik

Die Lesungen des Palmsonntags (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier (alte Einheitsübersetzung).

Kapper Kurt, mein Dorf-Friseur am Niederrhein kann nicht mithalten mit den neuen „Hair-Factorys“ und „Cut-Stations“, die in Köln und Co. eröffnet werden. Sein Salon ist wohl eher eine Art Wohnzimmer. Die massive Holzverkleidung, die klobigen alten Frisierstühle, die Tageszeitung und zwei bis drei Lesezirkelausgaben. Hinterrücks ein Wandgemälde eines nieder­­rheinischen Sees in großem Ausmaß, einige Plakate der dörflichen Aktivitäten. Übrigens: Nebenbei kann man bei Kapper Kurt auch Angelscheine für die Krickebecker Seen erwerben.

Und beim Haareschneiden geht es hier zu wie beim Fischfang: Vieles geht ohne Worte. Man reiht sich in die Stuhlreihe ein und wartet, bis man an der Reihe ist. Du hast alle Möglichkeiten: Du kannst lesen. Ich weiß nicht, wann ich sonst so bewusst Zeitungsartikel lese, wie ich es in der verordneten Auszeit in der Wartezone beim Friseur tue.

Aftershave und Seelenbalsam

Du kannst dich natürlich auch unterhalten. Über das Wetter, über den neuesten Dorftratsch oder über die große Politik. Du kannst einem der vielen Gespräche zuhören. Auch das hat was. Wenn du mit nichts was zu tun haben willst, dann lehnst du dich einfach zurück und schließt die Augen. Dann bist du quasi „raus“. Und dann beginnt das Procedere: „Wie kurz? Wie immer! Gut!“ Kittel drüber, mit der kleinen Pumpflasche wird das Haar angefeuchtet. Mein Stammfriseur hat es raus. Er weiß, wie ich es gern hätte. Haarschnitt ist Vertrauenssache. Er kennt mich, ich kenne ihn. Seit Jahren. Er merkt, ob ich mich unterhalten will, oder ob ich für den Tag die Nase voll habe. 15 bis 20 Minuten lang weiß ich: ich kann entspannt vertrauen, Kapper Kurt wird es richten.

Viel wichtiger aber sind die anderen Dinge, die geschehen. Das hat sicher manchmal etwas von Seelsorge auf seinem Stuhl. Da kommen die kleinen Banalitäten zur Sprache, aber auch die mittelgroßen Katastrophen des Lebens, sogar die großen. Und während Kapper Kurt mir am Ende ein Aftershave um den Hals streicht, das ich mir nie im Leben selbst kaufen würde, schau ich in den Spiegel und denke oft: Was bist du für ein Königskind auf diesem Stuhl. Alle zwei Monate werden dir diese 15 bis 20 Minuten „Seelenbalsam“ geschenkt, in denen Kapper Kurt in der Regel zwei bis drei Zigaretten schafft.

Jeder ist ein Königskind

Der Autor
Bastian RüttenBastian Rütten ist
Theologischer Referent
im Wallfahrtsort Kevelaer. | Foto: privat

Warum ich das erzähle? Die Kirche feiert heute den Palmsonntag. Jesus begegnet uns als ein höchst eigenartiger König. Sein „hohes Ross“ ist arg in die Knie gegangen und stellt sich als Esel dar. Sicher: Die Bilder von angestaubten Monarchen passen heute nicht mehr ganz so gut ins Bild. Sie sind vielleicht manchmal eher was für die Illustrierte. Trotzdem ist die Königswürde, die wir Jesus zusprechen, auch etwas, das uns Menschen betrifft.

Jede und jeder von uns ist ein Königskind, ein genialer Gedanke, ein großartiges Meisterwerk. Wir vergessen es allzu oft selber und wir geben einander viel zu selten das Gefühl und die Zusage: Du bist ein König! Du bist gut, genauso wie du bist! Lass es dir gut ergehen! Schau dich an, wie du bist: Ein Meisterwerk! Durch diesen König scheint etwas von der Zärtlichkeit Gottes durch. Wie der da auf seinem Esel in die Stadt reitet, könnte man fast meinen, er wäre nicht ganz bei Trost.

Aufs Kreuz gelegt

Wir alle wissen ja, wie diese Geschichte ausgeht. Jesus wird aufs Kreuz gelegt für seine Visionen. Der Palmsonntag zeigt uns: Es ist Zeit, die Maßstäbe des jesuanischen Gottesreiches wieder anzugehen. Gewaltfreie Kommunikation, Verzicht auf Macht und Äußerlichkeit, ein Ende mit dem Hofhalten.

Wenn wir so mit unseren Mitmenschen umgehen, dann ist das Seelenbalsam für Königskinder. Und die sind wir alle. Das Hosianna gilt genau diesem König, der den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Ein König, dessen Königreich nicht auf Gewalt setzt, sondern auf Liebe.

Gönnen wir uns doch diese Botschaft hier und da und genießen, dass wir an dieser Königswürde durch die Taufe Anteil haben. Die grünen Zweige an unseren Kreuzen erinnern uns im Alltag daran: Das Projekt dieses Königs muss sich im Alltag bewähren, sonst trägt auch das Hosianna nicht weit.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Palmsonntag (Lesejahr C) finden Sie hier.