Pater Daniel Hörnemann über die Selbstverpflichtung Gottes

Auslegung der Lesungen vom zweiten Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr C

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Hält Gott sein Wort? Ist der Bund zwischen Abram und Gott bereits geschlossen? Die darauffolgende Selbstverpflichtung Gottes gibt die Antwort, sagt Pater Daniel Hörnemann und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Aller guten Dinge sind drei: Nachkommenschaft, Land und Bund. Ein „Predigtexperte“ stellte die These auf: „Heute wird sicher in den meisten Gemeinden nur die neutestamentliche Lesung vorgetragen. Was soll man auch damit anfangen, mit Tieren, die auseinandergeschnitten werden, einem rauchenden Ofen und einer lodernden Fackel, die durch eine Gasse gehen“? Wir spüren die ungeheure Distanz von Zeit und Raum zu den Ereignissen um Abram (ab Gen 17 Abraham genannt), eine riesige Kluft tut sich auf zwischen dem archaischen Damals und unserem modernen Heute.

Nachkommenschaft und Land waren im Alten Orient notwendige Lebensgrundlagen, auf die es jedoch keine Garantie gab. Für uns kann die Sehnsucht des Abram nach Nachkommenschaft und nach dem verheißenen Land zu einem Bild werden für unsere Sehnsucht nach Zukunft und Heimat.

Ermutigende Zusicherung

Die Lesungen vom zweiten Sonntag der Fastenzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Bestimmt hat Abram sich gefragt, ob Gottes Wort wirklich das bringt, was es verspricht, nämlich Leben. Der Kinderlose und Landlose macht sich vertrauensvoll auf. Wenngleich er die ermutigende Zusicherung Gottes braucht: „Fürchte dich nicht!“ Er darf nach langem vergeblichen Warten skeptisch fragen: „Mein Herr, was magst du mir schon geben? Ich gehe ja bloß kinderlos dahin.“

Er lässt sich von Gott ins Freie führen: „Blicke doch himmelan und zähle die Sterne, kannst du sie wohl zählen? So unzählbar wird deine Nachkommenschaft sein.“ Eine ungeheure Dimension wird ihm eröffnet. Gott sichert ihm Zukunft und Heimat zu. Gott sprach: „Ich bin’s, der dich herausgeführt hat, dir dieses Land zu geben, es zu ererben.“

Angst vor der Zukunft

Pater Daniel Hörnemann ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve.
Pater Daniel Hörnemann ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve.

Doch das ist noch nicht alles. Erst das Dritte macht die Sache vollständig. Verlockend war die Auswanderung aus dem gesegneten Zweistromland nur, wenn dem Wagemutigen eine Alternative zum Bisherigen zugesichert wurde. Dazu fordert Abram ein göttliches Wort oder ein Erkennungszeichen.

Gott verlangt von ihm für eine schon damals altertümlich scheinende Zeremonie je ein Exemplar der wichtigsten Fleischlieferanten jener Zeit als Opfer. Abram bereitet alles vor. Eine bedrohliche Szene, der Bundesschluss wird Abram nicht leicht gemacht. Ihn überkommen große Angst und die Ungewissheit, wer er ist, ob und welche Zukunft er haben wird, ob und welchen Ort es für ihn geben wird.

Gott verpflichtet sich

Als nun die Sonne „einging“, fiel auf Abram Betäubung und große Verfins­terung. Im Raum des Unbewussten, im Tiefschlaf widerfährt ihm die Vision: Nachtschwärze, da: ein rauchender, vulkanischer Ofen, eine Feuerfackel zog zwischen den Tierstücken querdurch. Was vorbereitet war wie ein altes Ritual für den Vertragsabschluss zwischen zwei Bündnispartnern, wird jedoch von Gott einseitig erfüllt. Abram sieht Gott im Bild der durchziehenden Feuerfackel. Mitten im Angsttraum des Menschen gibt Gott seine Zusage. Sein erstes Wort war „Fürchte dich nicht!“ (Gen 15,1). Er stellt sich vor als Abrams „Schild“, als Schutz und Hilfe. Mitten im Dunkel beharrt Gott auf seinem Versprechen: Dir wird Zukunft gegeben und Raum zum Leben. Gott verpflichtet sich durch einen Eid dazu. Damit ist das Dritte geschehen, der Bund ist geschlossen.

Abram hingegen – er macht nichts. Abram geht nicht durch die Gasse, Abram muss sich zu gar nichts verpflichten. Der Mensch braucht überhaupt nichts zu tun. Es gibt kaum einen eindrucksvolleren Text in der ganzen Bibel, der die Selbstverpflichtung Gottes stärker umschreibt. Die Begleitumstände Sonnenuntergang, Tiefschlaf, Schrecken, große Finsternis und Feuer bringen die Eindrücklichkeit der übernatürlichen Intervention zum Ausdruck. Sie beschreiben das letztlich Unbeschreibliche. Der Bund Gottes mit den Menschen ist ein einseitiger Bund. Gott verlangt vom Menschen nichts. Er allein bindet sich, wie Eltern, die für ihre Kinder da sind, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. In die Not des Zweifels kommt er hinein, um Ermutigung zu schenken.

Zukunft, Heimat, Beziehung

Der Mensch braucht Zukunft, Heimat, Beziehung. Letztlich kann er sie nicht selbst machen. Ihren absoluten Geschenkcharakter verdeutlicht das Kapitel Gen 15. Die Fastenzeit ist neu Gelegenheit, sich an den Gott zu erinnern und an ihm festzuhalten, von dem diese großen Gaben kommen, der intensive Erfahrungen beseligender Nähe wie auf dem Verklärungsberg schenkt, uns hilft, wie die Apostel vom Berg das innere Feuer ins Tal der Wirklichkeit hinabzutragen und dort leuchten zu lassen, und der uns Zukunft verheißt: „Unsere Heimat aber ist im Himmel“ (Phil 3,20).

Sämtliche Texte der Lesungen vom zweiten Sonntag der Fastenzeit (Lesejahr C) finden Sie hier.