Pfarrer Jan Kröger aus Oldenburg über Fitness fürs Fest

Auslegung der Lesungen zum 1. Adventssonntag (B)

Das kirchliche Genörgel über angeblichen Adventsstress und Weihnachtskonsum nervt Jan Kröger. Der Oldenburger Pfarrer macht andere Erfahrungen - im Fitnessstudio. Und hat beim Sport gemerkt, worauf es im Advent wirklich ankommt.

Heute ist der 24. Juni. So wie ich es einmal in einem Seminar gelernt hatte, habe ich mir die ersten Vorbereitungen für meine diesjährigen Kirchenzeitungs-Beiträge im Advent ein halbes Jahr vorher auf Termin gelegt. Es ist ein ruhiger Samstagvormittag. Zeit also, zunächst ins Fitnessstudio zu gehen.

Das Evangelium vom 1. Adventssonntag (Lesejahr B) zum Sehen und Hören auf unserem Youtube-Kanal.

Wer heute wissen will, was „die Leute“ wirklich denken, dem kann ich einen Besuch dort nur wärmstens empfehlen. Das Fitnessstudio ist heute wohl so etwas wie der Marktplatz in der Antike, oder der Kirchplatz vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte. Je nachdem zu welcher Uhrzeit man so ein Fitnessstudio betritt, trifft man auf die unterschiedlichsten Leute: Morgens sind es vor allem Senioren, die dort gern auch schnacken oder Kaffee trinken. Mittags oder nachmittags dann oft die, die in der Pause oder direkt nach der Arbeit zum Training kommen. Am Abend dann eher die jüngeren Leute.

Und: Für mich ist das Fitnessstudio der beste Platz, um dort Predigten und andere Texte vorzubereiten.

Allgemeines Adventsgenörgel

So auch an diesem 24. Juni. Dank des Smartphones hat man alles dabei, was man braucht: Eine kurze Suche im Internet, und schon sind die biblischen Texte zum ersten Advent und auch Dutzende von Predigtentwürfen dazu recherchiert.

Eine Gemeinsamkeit weisen diese Predigtentwürfe dabei leider alle auf: Es scheint in den vergangenen Jahren in unseren Kirchen üblich geworden zu sein, in ein allgemeines Advents- und Weihnachtsgenörgel zu verfallen. „Die Leute“ sind angeblich alle total gehetzt und gestresst im Advent, verkennen seinen wahren Charakter als Vorbereitungszeit auf Weihnachten und haben sowieso nicht auf dem Schirm, dass doch auch der Advent eine Fastenzeit ist.

Ich glaube, dies ist wieder einmal eine sehr innerkirchliche Sicht auf die Adventszeit. All diesen Predigerinnen und Predigern kann ich nur einen Besuch im Fitnessstudio empfehlen – schon allein aufgrund der erhöhten Kalorienzufuhr, die auch sie sicherlich im Advent haben werden. Ich erlebe dort viele Menschen, die einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, einer Betriebsfeier oder auch einem adventlichen Konzert durchaus etwas Besinnliches und auf Weihnachten Vorbereitendes abgewinnen können.

Keine nette Sonntagspredigt

Aber schauen wir nun einmal genauer auf das Evangelium des diesjährigen  ersten Adventssonntags, das damit gleichsam als Überschrift für das gesamte beginnende Kirchenjahr gelesen werden kann: „Seid wachsam!“ So schärft es Jesus hier gleich dreimal in seiner Rede über die Endzeit ein. Jesus hält uns zum beginnenden Advent also alles andere als eine farblos-nette Sonntagspredigt.

Der Autor
Jan KrögerJan Kröger ist Pfarrer in St. Marien, Oldenburg.

Das 13. Kapitel des Markus-Evangeliums, dem diese Weckrufe Jesu entnommen sind, besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil geht es Jesus um die Erfahrung von Not, Bedrängnis und Katastrophen. Hierin unterscheidet er sich nicht von anderen Predigern seiner Zeit. Ihm geht es jedoch letztlich um die persönlichen Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind. Und dies ist so entscheidend wichtig, dass Jesus diese Predigt zunächst einmal nur einigen seiner engsten Vertrauten hält: Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas.

Innerkirchliche Tagträumerei

Wir aber – Christinnen und Christen unserer Zeit – sollen davon sprechen. Einmalig in seinem Evangelium wendet sich Markus direkt an die Leserinnen und Leser (Mk 13,14) und fordert somit auch uns ganz direkt zur Wachsamkeit auf. „Seid wachsam!“ Damit möchte Jesus uns sicherlich nicht den guten Schlaf vermiesen, wohl aber die Tagträumerei. Vielleicht auch gerade die innerkirchliche Träumerei, die nur sehnsüchtig auf die vermeintlich guten alten Zeiten zurückblickt.

Wachsamkeit in diesem Sinn bedeutet letztlich, dass wir uns als Christinnen und Christen immer im Advent befinden. Es gilt, sich darin zu üben, mit wachen Augen und gespitzten Ohren Gottes Gegenwart in unseren Tagen zu erspüren.

Besinnung auch auf dem Weihnachtsmarkt

Und sei es darin, dass heute für viele Leute ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt durchaus ein schönes, vielleicht auch besinnliches Erlebnis ist. Ich jedenfalls freue mich schon heute, am 24. Juni, auf den Besuch des Weihnachtsmarktes rund um die Lambertikirche in Oldenburg!

„Seid wachsam!“ Man könnte es auch in ein sportliches Bild bringen: „Macht euch fit!“ Etwas, das heute durchaus Konjunktur hat. Macht euch fit, nicht nur (aber natürlich auch) für das kommende Weihnachtsfest.

Liebe Leserinnen und Leser, die Aufforderung gilt auch uns: Machen wir uns fit, indem wir nicht am kommenden Weihnachtsfest über die so genannten U-Boot-Christen schimpfen, weil sie uns „unseren“ Platz weggenommen haben. Machen wir uns fit, indem wir uns mal nicht darüber ärgern, dass nur an Weihnachten so viele Menschen in unsere Kirchen kommen. Machen wir uns fit, damit wir auch darin Gottes Gegenwart in unserer Zeit erkennen und uns daran freuen können. Vielleicht sogar nicht nur an Weihnachten.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 1. Adventssonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.