Pfarrer Jan Kröger über echtes und falsches Selbstbewusstsein

Auslegung der Lesungen zum 3. Adventssonntag (B)

„Wer bist du?“ Das ist eine zentrale Frage in den Lesungstexten des heutigen dritten Adventssonntags. Sie wird Johannes dem Täufer gestellt. Er antwortet – auch wenn er damit enttäuscht. Pfarrer Jan Kröger aus Oldenburg meint: Eine Frage, die sich jeder stellen sollte.

„Wer bist du?“ Diese Frage wird uns allen vermutlich oft gestellt. Jeder kennt die Situation, in einen Kreis von unbekannten Personen zu kommen. Eine Erfahrung, die einerseits sehr interessant, andererseits aber auch sehr anstrengend sein kann.

In meiner Kaplanszeit wurde ich meistens noch nach den Trauungen zur abendlichen Hochzeitsfeier eingeladen. Eine Chance – wie ich meinte. Nicht nur eine Chance, an ein gutes Abendessen, sondern vor allem mit mir unbekannten Leuten ins Gespräch zu kommen. Zu erfahren, wer sie sind, und vielleicht erzählen zu können, wer ich bin.

„Wer bist du?“

Das Evangelium zum 3. Adventssonntag (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

„Wer bist du?“ Diese Frage zielt dabei meistens nur zunächst auf die äußere Identität ab. Wer ich war, das wussten ja alle auf der Hochzeitsfeier, zumindest wenn sie nachmittags am Gottesdienst teilgenommen hatten.

„Wer bist du?“ Diese Frage meint ja viel mehr: Wer bist du wirklich? Woher kommst du? Was magst du gern? Was kannst du besonders gut? Was fällt dir schwer? Eine Frage also, die letztlich auf unsere eigentliche, innere Identität abzielt.

So verstanden ist diese kurze Frage eigentlich unsere Lebensfrage schlechthin. – Eine Frage, die auch sehr schmerzhaft sein kann. Eine Frage, die wir uns wohl auch immer mal wieder selber stellen. Vielleicht ist es ja jetzt die Zeit, sich im Zugehen auf Weihnachten diese Frage einmal (wieder) vorzulegen.

Warum bist du nicht du gewesen?

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat dazu einmal folgende kleine Geschichte erzählt: „Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: ›In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?‹“ – In dieser kurzen Geschichte steckt viel drin. Wir sind, wer wir sind, weil Gott uns genau so gewollt, geschaffen hat. Er will dich, er will mich, uns alle, so wie wir nun einmal sind – mit unseren Stärken und Schwächen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns selbst kennen, uns treu sind, ja uns selbst lieben!

„Wer bist du?“ Das ist eine zentrale Frage in den Lesungstexten des heutigen dritten Adventssonntags. Der Prophet Jesaja sagt hier: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung.“ Jesaja begreift, dass Gott ihm ganz persönlich besondere Fähigkeiten gegeben hat. Er hat ihn gesandt, um seine frohe Botschaft auszurichten, die die Menschen zum Glück und zum Heil führen soll.

Wer bin ich nicht?

Wenig demütig kommt der Prophet Jesaja hier daher, so könnte man beim Lesen dieser Zeilen denken. Man kann es aber auch anders sehen: Jesaja hat begriffen, was in ihm steckt, weil Gott selbst es in ihm angelegt hat. Er wächst also mit seiner Aufgabe. Wer kennt das nicht?

Der Autor
Jan KrögerJan Kröger ist Pfarrer in St. Marien, Oldenburg. | Foto: privat

„Wer bist du?“ Auch der Täufer Johannes, der uns bereits am letzten Sonntag begegnet ist, hat heute diese Frage zu beantworten. Dabei fokussiert sich das Selbstbewusstsein des Johannes zunächst einmal darauf, wer er eben nicht ist: „Ich bin nicht der Messias.“

Eine bemerkenswerte Aussage, wie ich meine. Denn – ganz ehrlich – wer von uns wäre nicht mal gern ein anderer? Wer bewundert nicht andere Menschen und wünscht sich heimlich, hier und da mal in ihre Rolle schlüpfen zu können?

„Ich bin die Stimme“

Aber auch der Täufer hat ähnlich wie Jesaja seine Identität und Aufgabe von Gott her erkannt: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“ Johannes hat seinen Auftrag begriffen und seine Wichtigkeit zutiefst verinnerlicht. Er muss die Menschen auf Jesus vorbereiten.

Er ist dabei aber nicht eine Art Vorgruppe bei einem großen Live-Konzert, die den Konzertbesuchern lediglich die Zeit bis zum großen Auftritt der Haupt-Band verkürzen soll. Nein! Johannes weiß, dass seine Vorarbeit notwendige Voraussetzung für das Wirken Jesu ist. Dieses von Gott her kommende Selbstbewusstsein hat er durchaus. Deshalb ruft er die Menschen zur Umkehr auf und tauft sie.

Geschenktes Selbstbewusstsein

Johannes hat ein von Gott geschenktes Selbstbewusstsein im besten Sinn des Wortes. Er weiß, wer er ist, was er kann und was sein Auftrag ist. Ebenso weiß er darum, wer er eben nicht ist: „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt; ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren.“

Dieses Selbstbewusstsein eines Jesaja und eines Johannes wünsche ich uns allen. Damit wir uns selbst und anderen auf die Frage „Wer bist du?“ eine wirklich ehrlich Antwort geben können. Eine Antwort, die eben nichts beschönigt oder ausklammert. Dann kann ein Ja gelingen, zu uns selbst, zu den anderen und zu Gott.

Sämtliche Texte und Lesungen des 3. Adventssonntag (B) finden Sie hier